Lokale Kultur

Eine Entschleunigung, die der Raum braucht, um zu existieren

KIRCHHEIM Daniel Göttin, geboren 1959 in Basel, hat für die Galerie im Kornhaus die Installation "Multiple Display" entwickelt. Sie baut sich auf einem Bodenraster aus zwanzig gleich großen Quadraten

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KAI BAUER

auf. Davon bestehen fünfzehn aus blauem Kunstrasenteppich im Innenraum, fünf werden mit blauem Isolierband in der überdachten Passage vor der Städtischen Galerie am Boden abgeklebt. Neun schwarz-weiß bemalte, hohe schmale MDF-Bretter lehnen einzeln an den Wänden, mittig in das Raster der Quadrate eingestellt. Das zehnte vertikale MDF-Brett ist in der Passage, gegenüber der Schaufensterfront in die zentrale Vitrine gehängt.

Die große Längswand der Galerie ist leuchtend Gelb bemalt, ebenso die Bodenflächen der Schaukästen, die von innen und von außen eingesehen werden können. In den Kästen liegen ebenfalls schwarz-weiß bemalte MDF-Bretter, flach auf den gelben Böden. So beginnt die Installation im Innenraum mit starkfarbigen, kontrastierenden Flächen, die über die Passage mit blauer Linienzeichnung, weit in die Umgebung strahlen. Daniel Göttins Installationen sind komplex, präzise und formal. Letzteres ist kein Schimpfwort mehr, seit der Hamburger Ausstellung mit dem Titel "Formalismus", stellte Andreas Baur, Leiter der Städtischen Galerie in der Villa Merkel Esslingen, in seiner Einführung fest.

Daniel Göttin rührt an der Geschichte des Gebäudes: in den siebziger Jahren sollten hier ein Ladenlokal und Verkaufs- beziehungsweise Geschäftsräume eingerichtet werden. Diese Nutzung kam jedoch wegen der damals schlechten Zugangsmöglichkeiten nicht zu Stande. Den Käufern sollten keine Treppenstufen zugemutet werden und außerdem wurde befunden, dass die Räumlichkeiten von der Straße aus zu wenig einsehbar sind.

Göttins "Multiple Display" lässt die Vorstellung einer solchen Nutzung durch verschiedene formale Elemente wieder aufleben: Die gelbe Wand leuchtet weit in die Fußgängerzone und macht aus dem Hintergrund heraus auf den Galerieraum aufmerksam. Daniel Göttin hat auch alle Strahler von der Decke des Ausstellungsraumes entfernen und in die Schaukästen montieren lassen. Übrig geblieben ist das Neonbeleuchtungssystem, das den Raum höher und in kaltem Licht erscheinen lässt. So entsteht ein wirkungsvoller Präsentationsraum ohne die käufliche Ware eines Supermarktes. Dies entspricht unserer hoch entwickelten Display-Kultur: Wie etwas gezeigt wird ist wichtiger als das, was gezeigt wird.

Der blaue Teppich wird zur Auslage, das starkfarbige Gelb zur Präsentations- und Projektionsfläche. Die Installation ist damit auch eine künstlerische Intervention: Der Raum wird als Ort für etwas aufbereitet, das nicht stattfindet. "Daniel Göttin gibt dem Ort eine Entschleunigung, die der Raum braucht, um zu existieren", fasste das Andreas Baur in seiner Einführung zusammen. Dies unterscheide Göttins Arbeit auch von der amerikanischen Minimal-Art oder der schweizer Abstraktion: Er führt seine abstrakten Werke in die Räume der täglichen Nutzung zurück, anstatt sie völlig aus der Welt des Alltäglichen herauszuheben.

Eine Postkartenedition, in der frühere Arbeiten des Künstlers fortlaufend dokumentiert werden, kann in der Ausstellung erworben werden. Im Werk von Daniel Göttin fallen grafische Wandarbeiten in Form von Netzwerkstrukturen auf, die sich präzise, aber chaotisch entwickeln, sowie Arbeiten aus Bodenlinien, die Rechtecke beschreiben und an Spielfelder in Sporthallen erinnern. Beides kann als Metaphern für heutige Denkweisen gesehen werden.

Das Netz, das sich chaotisch und ohne festes Zentrum entwickelt, kann bereits als Symbol für die Epoche der globalen und digitalen Networks gelten. Ebenso scheinen Strategien des Denkens, die sich nicht mehr linear in eine Richtung entwickeln, sondern in Begriffs- und Bedeutungsfeldern, in Aktions- und Verantwortungsfeldern bewegt werden, für unsere Zeit typisch zu sein. Blauer Rasen, eine riesige gelbe Wand und ein entschleunigter Gale-rieraum dieses Ausstellungserlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen.

Zu sehen ist die Ausstellung "Multiple Display" bis Sonntag, 9. Januar, mittwochs und freitags von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr und samstags sowie sonntags von 11 bis 17 Uhr.