Lokale Kultur

Eine Frage der Moral

„Rock & Rede“ mit Andreas Malessa und „Vocal Affair“

Weilheim. Gleich drei besondere Gäste konnten die Verantwortlichen der Stiftung zur Erhaltung der Peterskirche für eine sonntagabendliche Veranstaltung unter dem Motto „Rock & Rede“ gewinnen. Entsprechend groß war dann auch das Be-

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sucherinteresse an dieser durchaus etwas aus dem Rahmen fallenden Begegnung im Weilheimer Gotteshaus, das seit bald sechs Jahrhunderten das Bild der Stadt prägt und auch weiterhin markantes Markenzeichen bleiben soll.

Rock und Rede, Sekt und Selters sowie Wein und Bätscher sind nicht unbedingt die klassischen Ingredienzen eines Kirchenabends – ein Vortrag zum Thema Moral passt da schon eher. Die Überlegung, dass Ungewohntes natürlich auch Neugierde weckt, ging auf und dass die gewählte Mischung aus musikalischer Inszenierung und moralischer Sensibilisierung genauso mundete wie die kulinarische Verführung der Besucher belegte der großzügig gewährte Applaus für die Akteure des offiziellen Teils und die anschließende Verweildauer der Besucher.

Organisiert hatte die Veranstaltung der Evangelischen Kirche größtenteils die in Weilheim lebende Sandra Schöne, die nicht nur als Sängerin des „Teck Jazz Quintetts“ und der Tanzband „No Limits“ bekannt ist. Als Duo „Vocal Affair“ tritt sie mit Patrick Schwefel auf, der unter anderem mit Matthias Holtmann und der Reihe „Pop und Poesie“ auf Tour ist.

Pfarrer Peter Brändle freute sich daher – nicht ganz uneigennützig – darüber, dass sich das Duo „Vocal Affair“ darauf eingelassen hatte, den musikalischen Rahmen zu bilden. Ein Glücksfall war natürlich auch, dass Andreas Malessa sich gerne in den Reigen derer einreihen wollte, die sich für den Erhalt dieses ganz besonderen Zeugnisses einer spätgotischen Barockkirche einsetzen.

„Moral muss man sich leisten können. Von Werten, Maßstäben und Normen“ lautete der Titel seines Impulsreferats, das provozierte, polemisierte, Pauschalierungen und Patentrezepte aber tunlichst vermied. Nachdenken war angesagt, Stellung beziehen und eigene Erkenntnisse mit einbinden in das, was mit drei verträglichen Info-Häppchen zubereitet und später möglicherweise noch vertieft wurde.

Gesprochene Worte und musikalische Botschaften munter zu mischen war ein mutiges Experiment, denn die sich in den einzelnen Teilen aufbauende Argumentationskette wurde durch die – natürlich jeweils effektvoll inszenierten Zäsuren – immer wieder von passender Musik unterbrochen, um damit zugleich auch wieder die erforderliche Aufmerksamkeit für die nächste Etappe in Sachen Moral zu gewährleisten.

Über den Filmhit „Das unmoralische Angebot“ und die Chance, bei entsprechender Skrupellosigkeit in oder mit nur einer Nacht eine Million Dollar zu „verdienen“, kam Andreas Malessa sofort zu den Niederungen des Alltags und der Bereitschaft, bewusst gegen Normen zu verstoßen, wenn das Parkticket im Grunde genommen teurer ist, als der durch bewusst ordnungswidriges Parken riskierte Strafzettel.

Während Tiere von Instinkten gesteuert sind, können Menschen „Nein“ sagen, sind „rechenschaftspflichtig“ und haben damit die moralische Verantwortung für ihr eigenes Tun. Die Freiheit im jeweiligen Verhalten geht dabei immer mit einer Möglichkeit des Entscheidens einher.

In einer Gesellschaft vieler sich ständig um sich selbst drehender Sonnenkönige gelte es daher, eigene Maßstäbe zu finden und Fixpunkte zu setzen, die auch nicht durch modische Bewegungen des Zeitgeistes instabil werden. Moral sollte weder eine Frage der Güterabwägung noch eines fundamentalistischen blinden Gehorsams sein, sondern immer ein dialogischer Prozess. Ein Frühwarnsystem muss dabei vorausschauend erkennen, welche Folgen drohen.

Im Blick auf die zehn Gebote und das, wofür sie in heutiger Zeit stehen, arbeitete Andreas Malessa eine ganze Reihe von Beispielen ab. Die Frage, ob es sich lohnen könne, wegen eines Normverstoßes in einem unbedachten Moment möglicherweise Beruf, Ehre und Ehe zu riskieren, zwei Familien zu zerstören, die eigene und die Achtung der Kinder zu verlieren, beantwortete sich von selbst und führte in den Kontext des „Unmoralischen Angebots“ zurück.

Die Beziehung zu Gott verglich Andreas Malessa mit einer Besuchssituation, in der gut aufeinander eingespielte Partner versuchen, sich mit Blicken zu leiten und damit schon im Vorfeld sich erkennbar anbahnende Fehler zu vermeiden. Wichtig sei in beiden Fällen „stets Blickkontakt zu halten und im Dialog zu bleiben“ – was auch immer das im jeweiligen Einzelfall bedeuten mag.

Nach sechs Musikstücken mit Konzert-Charakter und drei gehaltvollen Lektionen war der religiös-moralische Crashkurs mit Musik zu Ende. Das Duo „Vocal Affair“ zog sich etwas zurück und sorgte für einen stimmigen Hintergrund für die sich anschließenden Gespräche. Genügend Material war schließlich bereitgestellt, um sich bei Häppchen und Getränken noch vertiefend mit der Brechtschen These auseinanderzusetzen, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral, oder sich zu fragen, ob eine andere Abfolge nicht vielleicht doch wünschens-, liebens- und lebenswerter sein könnte.