Lokale Wirtschaft

Eine Gewerbehalle, die nachwachsen würde

In Neidlingen wird eine Schreinerei komplett aus regenerativen Rohstoffen gebaut

CO2-Ausstoß, Erderwärmung und die Endlichkeit fossiler Rohstoffe sind Probleme, über die sich die Politik auf höchster Ebene den Kopf zerbricht. Dass sich Klimaschutz und Ressourcenschonung äußerst wirkungsvoll auf lokaler Ebene umsetzen lassen, und dass davon sogar heimische Betriebe und Landwirte profitieren können, beweist ein Vorzeige-Bauprojekt in Neidlingen.

Bianca Lütz

Neidlingen. Das künftige Schreinereigebäude ist schon von der Landesstraße aus zu sehen: Ein riesiger heller Holzbau mit Pultdach sticht aus den übrigen Gewerbegebäuden im Neidlinger Industriegebiet hervor. Aber nicht nur optisch unterscheidet sich die Werkstatt von anderen, auch ihre Substanz ist eher ungewöhnlich: Das Gewerbegebäude besteht von der Bodenplatte aus aufwärts komplett aus nachwachsenden Rohstoffen: Holz, Hanf und – wenn das Dach bis heute Abend fertig gedeckt ist – naturbelassenen Tonziegeln.

„In meiner Schreinerei verarbeite ich einheimisches Holz zu Möbeln“, erzählt der Bauherr, Schreinermeister Uli Hepperle aus Neidlingen. Notgefällte Kirsch-, Nuss-, Zwetschgen- oder Birnbäume verarbeitet er ebenso zu Tischen und Stühlen wie Holz aus den Wäldern am Albtrauf. Diese kunstvollen Stücke behandelt er nicht mit Lack, sondern nur mit natürlichen Ölen oder Wachs. Von Billigmöbeln, die aus sibirischem Holz oder gar Regenwald-Hölzern hergestellt werden, distanziert sich der Schreiner bewusst: „Da will ich nicht mitmachen.“ Als vor einiger Zeit seine kleine „Meister-Eder-Schreinerei“ in der Neidlinger Ortsmitte zu eng wurde und ein Neubau hermusste, kam dem 44-Jährigen dann auch die Idee, ein Gebäude zu errichten, das mit seiner ökologischen und lokal orientierten Arbeits-Philosophie harmoniert.

Als Fachmann hat Uli Hepperle den Neidlinger Zimmermeister Peter Hepperle ins Boot geholt. Peter Hepperle – der zwar ein Namensvetter, sonst aber nicht mit dem Bauherrn verwandt ist – hat sich mit seinem Neidlinger Holzbau-Unternehmen auf ökologisches Bauen spezialisiert. Vor drei Jahren hatte sich der Zimmermeister in der Neidlinger Ortsmitte selbst ein Haus aus nachwachsenden Rohstoffen gebaut – mit Strohballen als Wärmedämmung.

Uli Hepperle dagegen hat sich für einen anderen natürlichen Dämmstoff entschieden: Hanf. 100 Kubikmeter der weichen, grauen Faserplatten stecken in den Holzwänden und im Dach seiner Schreinerei. Das natürliche Material hat zahlreiche Vorteile gegenüber herkömmlichen Dämmstoffen. „Hanf ist viel angenehmer zu verarbeiten“, freut sich Peter Hepperle. Wer schon einmal mit Glaswolle gearbeitet hat, weiß, wovon der Zimmermann spricht. Glaswollefasern beispielsweise gelten als gesundheitsschädlich, weil sie beim Einatmen in die Lunge eindringen und bei Berührung allergische Reaktionen der Haut hervorrufen können. „In den Hanf dagegen könnte man sich reinlegen“, sind sich die beiden Hepperles einig. Dazu kommt, dass das Material völlig problemlos zu entsorgen ist. „Der Hanf wird einfach kompostiert.“

Petra Feller, Architektin der Schreinerei, vertraut zudem auf die Brandschutzeigenschaften des Naturdämmstoffs. Allerdings weist sie auch auf zwei Nachteile des Hanfs hin. „Die Wärmedämmeigenschaften sind etwas schlechter als bei Mineralwolle“, weiß sie. Will man den gleichen Effekt erzielen, braucht man mehr davon. Zudem ist Hanf schon an sich teurer. Uli Hepperle allerdings hat seine Platten bereits im vergangenen Jahr gekauft und ist deshalb in den Genuss einer Subvention gekommen. „Die ist jetzt allerdings weggefallen“, bedauert Feller.

Tragendes Element der Schreinerei, die eine Grundfläche von 12 mal 22 Metern hat und an der höchsten Stelle acht Meter misst, ist jedoch das Holz. „Wir haben 75 Kubikmeter heimisches, unbehandeltes Holz verbaut“, erläutert Peter Hepperle. In gerade mal drei Wochen haben Uli und Peter Hepperle zu zweit den Rohbau hochgezogen. „Die Wände haben wir vor Ort zusammengenagelt“, berichtet Uli Hepperle. Mit einem Kran wurden die riesigen Teile dann aufgerichtet.

Von Holz als Baumaterial sind Schreiner, Zimmermann und Architektin gleichermaßen begeistert – nicht zuletzt aus ökologischen Gründen. Holz ist ein besonders umwelt- und klimafreundlicher Baustoff, weil es jede Menge Kohlenstoffdioxid speichert. Zudem wächst Holz ständig nach – ganz im Gegenteil zu fossilen Baustoffen. „Das Vorurteil, dass die Wälder durch die Nutzung zerstört werden, stimmt nicht“, weiß Uli Hepperle. Vielmehr sei die Bewirtschaftung sogar notwendig, um neuen Bäumen Platz zu machen und ihnen ein besseres Wachstum zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang haben sich die Neidlinger Handwerker einmal ausgerechnet, wie lange es dauern würde, um den Holzverbrauch für das komplette neue Schreinereigebäude wieder auszugleichen. Dabei sind sie zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: „Auf einem Hektar Wald würde diese Halle innerhalb von nur sechs Jahren nachwachsen.“

Luxus ist die Öko-Gewerbehalle, die Uli Hepperle gebaut hat, jedoch keineswegs: „Neben der Ökologie stimmt auch die Wirtschaftlichkeit“, betont der Schreiner. Denn schließlich steckt außer Holz, Hanf, Lehmziegeln und einigen Nägeln nicht viel drin. Selbst die Holzfassaden bleiben unbehandelt. „Es ist ein Irrglaube, dass Holz behandelt werden muss, um besser zu halten“, sagt Uli Hepperle. Peter Hepperle weiß, worauf es im Gegenzug ankommt: „Holz muss richtig verarbeitet werden, hinterlüftet und spritzwassergeschützt sein.“ Auch wegen des Brandschutzes gibt es auf der Neidlinger Baustelle keine Bedenken. „Ein Stahlbau ist im Brandfall nicht ungefährlicher“, weiß Architektin Petra Feller.

Auch wenn sie Verfechter des Bauens mit nachwachsenden Rohstoffen sind – in einem Punkt waren Uli Hepperle, Peter Hepperle und Petra Feller nicht zufrieden. Es gab lange Zeit Schwierigkeiten mit der Baugenehmigung. „Eigentlich hätte die Werkstatt schon im vergangenen Jahr fertig werden sollen – das ist aber an den Behörden gescheitert“, bedauert Uli Hepperle. Der Grund, dass ihm Steine in den Weg gelegt wurden, aus seiner Sicht: „Gewerbegebäude aus nachwachsenden Rohstoffen sind eben kein Standard.“ Peter Hepperle blickt unterdessen sehnsüchtig nach Vorarlberg. Dort werde umweltfreundliches, klimaschonendes Bauen von der öffentlichen Hand schon lange nicht mehr erschwert, sondern besonders intensiv gefördert und unterstützt.

Mit der Verarbeitung von Hanf als Dämmstoff liegen die Hepperles voll im Trend. Auch die Kirchheimer Lokale Agendagruppe Energie wirbt für den Einsatz natürlicher Materialien am Bau. So informiert sie Interessierte am 13. November bei einem Vortrag in der Kirchheimer Alleenschule über „Hanf, Flachs & Co. – Wärmedämmung mit nachwachsenden Rohstoffen“.

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