Kirchheim

Eine Legende spielt mit Handicap

Konzert Seinen Auftritt in der Kirchheimer Martinskirche hat der Posaunen-Star Armin Rosin trotz schmerzhaftem Knochenbruch absolviert – zumindest Organist Ralf Sach überzeugte restlos. Von Ernst Leuze

Die Kulisse macht Eindruck: Der Stuttgarter Posaunen-Professor Armin Rosin spielte in Kirchheim unter Schmerzmitteleinfluss und
Die Kulisse macht Eindruck: Der Stuttgarter Posaunen-Professor Armin Rosin spielte in Kirchheim unter Schmerzmitteleinfluss und gewann das Publikum daher erst nach und nach für sich. Foto: Johannes Stortz

Legendär kann nicht jedes Konzert sein. Nicht selten jedoch treten lebende Legenden auf. Wie nun in der Martinskirche in Kirchheim. Armin Rosin, seit Jahrzehnten im Geschäft als innovativer Posaunensolist wollte es noch einmal wissen. Trotz schmerzbetäubender Medikamente wegen eines Knochenbruchs rang er sich ein Programm ab, in welchem er seine vielseitige Begabung als Musiker, Wissenschaftler, Sänger und Moderator ausleben konnte. Um es sich nicht zu leicht zu machen, begann er mit dem Alphorn. Dieses Holzungetüm wird zwar mit einem Mundstück angeblasen, das dem der Posaune ähnlich ist, doch kann man es überhaupt nicht stimmen, geschweige denn Melodien spielen: Es fehlen ja die Ventile.

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Das Solo gesungen und gespielt

Kein Wunder also, dass Komponisten schnell an Grenzen stoßen, wenn sie es wagen, für das Alphorn zu schreiben. Das weiß Rosin natürlich auch, denn als Soloposaunist im Radiosinfonieorchester hat er fast alles gespielt, was der Posaune anvertraut ist. Also führt er das Alphorn ein bisschen im Garten der diatonischen Klänge herum. Das geht nur gut, wenn er einen so fantasievollen Organisten wie Ralf Sach zur Seite hat. Mit drei Stücken aus seiner sudetendeutschen Heimat bekannte sich der Posaunist zu seinem Namen und verarbeitete Motive der Stadtpfeifer von Eger. Allerdings glaubt Rosin doch wohl selbst nicht, dass die Stadtmusik dort jemals das primitive Signalinstrument der Schweizer Almhirten verwendet hätte. Da strickte die Legende selbst an einer neuen.

Sach jazzt mit Dennerlein

Auf den Boden der Tatsachen hingegen führte Ralf Sach wieder mit drei schwungvoll gespielten Präludien von Johann Christian Kittel, einem Bach-Schüler. Apropos Bach: Ein Contrapunctus aus seiner Kunst der Fuge musste als Posaunenpièce herhalten. Das war auch gar nicht schlecht gemacht, aber halt ein Zeichen, wie verzweifelt die Posaunisten auf der Suche sind nach kaum vorhandenen Solostücken. Dabei gibt es heute Originalkompositionen zuhauf, darunter nicht wenige, die Armin Rosin gewidmet sind. Doch solche wollte der Posaunist weder sich noch den Kirchheimern zumuten. Das überließ er wiederum Ralf Sach, der mit Barbara Dennerleins „Walk on Air“ - man erinnert sich an ihr Konzert in Maria Königin - ein fein angejazztes Stück mit überzeugendem Spannungsbogen servierte. Ob es eine gute Idee war, bei einigen Stücken das Posaunensolo abwechselnd zu singen, muss offen bleiben. Immerhin scheint der „Schmerztablettenkick“ der Stimme besser bekommen zu sein als dem Bläseransatz.

Ein Resümee: Von Anfang an sehr gut war der Organist. Armin Rosin hingegen riss mit bewundernswerter Zähigkeit peu à peu seine auferlegten Grenzen ein. Beide verdienten zu Recht Standing Ovations - bei der Zugabe mit dem Spiritual „Joshua fit the battle of Jericho“. Mit vereinten Kräften und furiosen Klängen bliesen sie die legendären biblischen Mauern um.