Lokale Kultur

"Eine nicht immer einfache Annäherung an gewesene Ichs"

ESSLINGEN In Esslingen war sie einst hoffnungslos in einen gut aussehenden älteren Cousin verliebt, hier studierte sie an der Pädagogischen Hochschule und hatte für die Tochter einer strengen Pfarrfamilie

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GABY WEISS

besonders wichtig ihr erstes eigenes Zimmer. "Erwachsen werden im Ländle" mit dem zweiten Band ihrer erfolgreichen Autobiografie hat Rose Deroussas auch der ehemaligen Reichsstadt eine charmante Liebeserklärung gemacht.

Rose Deroussas, die polyglotte Schwäbin, die bis vor kurzem einen Wohnsitz in Esslingen hatte, ist hierzulande keine Unbekannte: Als Tochter des Wendlinger Pfarrers Hans Mistele, Autor von Theaterstücken, Gedichten und Liedtexten und Begründer des Naturtheaters Grötzingen, ist ihr das Schreiben in die Wiege gelegt. Als kleines Mädchen hat sie sich das Lesen selbst beigebracht und seit ihrem 15. Lebensjahr schreibt sie Lyrik und Prosa. Mehrere Gedichtbände, sonnendurchflutete Geschichten über ihr Leben in Südfrankreich und ihr Liebesroman "Und Sonne brennt in Stein die Träume" wurden bereits veröffentlicht.

Vor allem aber "Eine Kindheit im Ländle", der erste Band ihrer biografischen Erinnerungen, hat sich zum Bestseller gemausert: Mit den Geschichten ihres Kindseins in den Fünfzigern ist Rose Deroussas landauf, landab für Lesungen gefragt. Jetzt hat sie die mit vielen Fotos bebilderte, versprochene Fortsetzung fertig gestellt: "Erwachsen werden im Ländle" (edition belesprit) beschreibt in heiteren und besinnlichen Episoden, wie die kleine Rose in den sechziger Jahren zur Frau wurde.

Viele werden sich nur zu gut erinnern an jene so typischen Begleiterscheinungen dieser Jahre: Das wöchentliche "Blocken" des Bodens, damit dieser ja auch tüchtig glänzte. Die natürliche Rivalität von hohen Stöckelschuhen und Altstadtpflaster. Der Kampf des pubertierenden Mädchens um den Bubikopf. Das Schminktäschchen in der Schultasche, um sich jeden Morgen fernab von Mutters prüfenden Augen auf der Toilette "aufzubrezeln". Ein fürchterlicher Schwips nach "harmlosem" Sekt mit Orangensaft, der beinahe die Abschlussprüfung in Gefahr brachte. Oder das aus Bettwäschestoff genähte Sommerkleid, mit dem Roses Mutter zwar einen Preis gewann, das Mädchen freilich nur Spott von ihren Klassenkameradinnen erntete, die das Kleid doch allzu sehr an ein Nachthemd erinnerte.

Und natürlich die ersten zarten Liebesbande, die erste richtige Beziehung, jede Menge schillernder Flirts, bis dann der eine kam und die "Liebe auf den ersten Blick" einschlug wie der Blitz. All das, was das junge Mädchen schlaflose Nächte, viele Tränen und so manchen heftigen Zwist mit dem geliebten Vater kostete, kann die erwachsene Rose mit sehr viel Milde und heiterer Gelassenheit zu Papier bringen. Es sind köstliche kleine Reminiszenzen an das damals Erlebte, die Rose Deroussas in ihrer klaren Sprache niederschreibt. Natürlich kommt auch "das himmelblaue Fahrrädle" aus dem ersten Band wieder zum Einsatz für eine Fahrt zur Schokoladenfabrik, um dem Vater all die aus seinem Schreibtisch gemopsten Schokoladenrippchen endlich zurückerstatten zu können. Die ersten Gehversuche als frisch gebackene Ehefrau im eigenen Haushalt führen immerhin zur Herstellung eines "ganz ordentlichen" Kartoffelsalats.

So humorvoll Rose Deroussas in der Rückschau ihr Leben bis zur Geburt ihrer beiden innig geliebten Kinder darstellt, so viel Schmunzeln all diese Episoden beim Leser hervorrufen diese "Annäherung an gewesene Ichs", wie sie selbst ihre Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte bezeichnet, war nicht immer einfach. Nachdem sie sich mit der Stoffsammlung ihres Lebens konfrontierte, erschrak sie richtig: "All das habe ich ausgehalten, verarbeitet oder verdrängt?" musste sie sich bei ihrer Erinnerungsarbeit so manches Mal schmerzhaft fragen.

Trotzdem ist die Weiterführung ihrer Biografie bereits geplant, schließlich ist Rose Deroussas überzeugt: "Erwachsen werden ist ein Abenteuer. Bin ich nach vierzig Jahren erwachsen?" Ihre energische Antwort lautet: "Ich fürchte, nein."