Lokale Kultur

"Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an"

KIRCHHEIM Irmgard Keun, eine der vielen "verbrannten Dichter", begann ihre Schriftstellerkarriere mit Romanen, die satirisch und gesellschaftskritisch das Leben junger

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BRIGITTE GERSTENBERGER

Frauen in der Endphase der Weimarer Republik schildern. Gleich mit ihren beiden ersten Erzählungen, "Gilgi, eine von uns" (1931), und "Das kunstseidene Mädchen" (1932), erreichte die junge Schriftstellerin Popularität. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurden ihre Bücher verboten. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, entdeckte die Frauenbewegung Anfang der 80er-Jahre den lakonisch-erfrischenden Schreibstil Keuns wieder. Zum Auftakt der Frauenkulturtage erinnerte jetzt bei einer Lesung die Stuttgarter Schauspielerin Natascha Meyer in der Stadtbücherei an die Autorin. Musikalisch treffend umrahmt wurde die Veranstaltung von Tanja Heinkel und Laura Ahmann am Saxofon.

Wenngleich das Besucherinnen-Interesse in der Stadtbücherei gering ausfiel, so war die Sympathie, die Kurt Tucholsky für die damals zweiundzwanzigjährige Literatin hegte, umso größer. So schrieb er 1931 über den Sensationserfolg "Gilgi, eine von uns" in der "Weltbühne": "Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an! Hurra! Hier ist ein Talent".

Nach ihrem Erstlingswerk erschien gleich ein weiterer Bestseller, "Das kunstseidene Mädchen". Mit den Lebensgeschichten ihrer beiden Hauptfiguren hatte Keun den Nerv der Zeit getroffen. Gilgi und das "kunstseidene Mädchen" Doris sind kleine Angestellte, die nach einem Leben jenseits der bürgerlichen Frauenideale von Ehe und Mutterschaft streben. Keuns Sprache besticht durch ihre schnodderige Art, ironisch und respektlos beschreibt sie, wie sich die beiden jungen Frauen durchs Leben schlagen und sich nicht unterkriegen lassen. Mit spitzer Feder und unangepasst lässt Keun ihre Protagonistin Gilgi über Nazideutschland lästern: "Ich habe mich schon auf der Schule geschämt, wenn Deutschland, Deutschland über alles gesungen wurde so ein widerwärtiges Lied so fett zu sprechen, so fett zu denken, den ganzen Mund voll Lebertran".

Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" schildert in Tagebuchform ein knappes Jahr aus dem Leben einer jungen Frau. Doris fühlt sich als jemand Ungewöhnliches, schön genug für "mehr". Ihr Leben empfindet sie als Film. Ein Film realitätsnah und fern jeglicher Jungmädchenromantik und Sentimentalität. Doris weiß das Leben zu nehmen und traut es sich auch. Sie sucht nicht das Glück, denn "Glück macht satt". Sie durchschaut die Männer, ihre Eitelkeit, ihre Aufgeblasenheit und ihre sexuelle Gier. Nach ihrer Meinung gibt sich ein Mädchen nur aus zwei Gründen hin "für Geld oder aus Liebe".

Irmgard Keun wurde 1905 in Berlin geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte die Tochter wohlhabender und liberaler Eltern in Berlin und Köln. Als die Nationalsozialisten ihre Bücher verboten, verklagte sie selbstbewusst und couragiert das Hitler-Regime auf verlorengegangene Gelder. Sie wurde festgenommen, verhört und gefoltert und wieder freigelassen. 1935 gelingt ihr die Flucht nach Belgien. Von dort aus gelangt sie nach Holland, sie lernt den österreichischen Dichter Joseph Roth kennen und lieben. Mit ihm reist sie anderthalb Jahre quer durch Europa. Ab 1940 überlebt sie in Deutschland anonym und mit falschem Pass den Krieg. Als Schriftstellerin überlebte sie allerdings nicht. Zwar schrieb sie 1950 unter dem Titel "Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen" einen Roman über die Nachkriegszeit, das Buch blieb aber unbeachtet Alkoholprobleme zwangen sie später immer wieder zu Anstaltsaufenthalten.

Irmgard Keun starb am 5. Mai 1982 in Köln. Ein halbes Jahr vorher durfte die scharfsinnige und unerschrockene Chronistin ihren ersten und letzten Literaturpreis, den renommierten Marieluise-Fleißner-Preis entgegennehmen; ein Preis, der nach einer Autorin benannt war, deren Schicksal sie in vielem teilte.