Lokale Kultur

Eine Überdosis Poesie

NÜRTINGEN Comedy und Poesie, wie geht das zusammen? Wer sich diese Frage stellt, kennt Timo Brunke nicht. Der in Kirchheim aufgewachsene Wortkünstler und Performance-Poet vereint die beidennur scheinbar so unterschiedlichen Genres zu einer einzigartigen Kunstform. Eine Kostprobe seines Könnens stellte der 33-Jährige in den

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NICOLE MOHN

Dienst einer guten Sache: Im Nürtinger Schlosskeller gab er eine Benefizvorstellung für den Arbeitskreis Leben. Willkommen zum ersten mitteleuropäischen Kleinkunstepos, begrüßt der hoch gewachsene Brunke die Zuschauer. Allein, das traf es nicht annähernd, was das Publikum in den nächsten Stunden unter dem Motto "Rettet die Dichtervögel" erwartete.

Ein Kulturschutzgebiet für die Poeten, zwischen Hauptbahnhof und Bahndamm hier versammelt Brunke die fünf letzten Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Art. Da ist die Cabriopoetin Mariella Sünderode-Schlüpf und der hochschwäbische Herr Seidelbast. Auch Bruder G., der Rapper, quartiert sich im Heim für schräge Vögel ein. Gleich nebenan wohnen Bruder Grimm und die bibelfeste Martha Schlesinger. Bei einem Grillfest in trauter Runde zwischen Gleisen und Holunderbusch wetteifern alle mit ihren Versen um die Wette. Schließlich müssen sie ihre Daseinsberechtigung dem Bürgerbüro für kulturelle Sicherheit beweisen.

Timo Brunke spielt sein Publikum beinahe schwindelig beim Sprung von Rolle zu Rolle. Als Bruder Grimm stürzt er in einer ergreifenden Ballade schillerschen Ausmaßes den Vater von den Helgoländer Klippen seiner Tochter hinterher in den Tod. Ein kariertes Kopftuch und Brunke verwandelt sich in die mümmelnde Martha Schlesinger, die, von Noah unbekümmert, die Parallele zum modernen Beamtentum zieht, und beschwört als Herr Seidelbast einen liebeskranken Keltenfürsten aus dem Grabe herauf.

Immer bizarrere Blüten treibt der Wettstreit der skurrilen Poeten, die so gar nicht in den Mainstream passen wollen und ihn schließlich besiegen. Timo Brunke rappt, schwäbelt, säuselt, schwärmt und scheint dabei in dem Facettenreichtum der deutschen Sprache auf immer neue Quellen für seine wortgewaltigen Verse zu stoßen.

Ungehemmt lässt er seinem Wortdrang freien Lauf, schraubt ihn in ungeahnte Höhen und verteilt im Vorbeigehen Seitenhiebe ans Establishment. Das Ganze paart der Bühnenpoet, der an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart unterrichtet, mit ausdrucksstarker Körpersprache.

Von einem Moment zum Nächsten wechselt er die Rolle wie seine Kopfbedeckungen, verleiht seinen Figuren kongenial mit Gestik und Mimik Charakter. Das Programm "Pension Brunke", das die Besucher der Benefizveranstaltung genießen konnten, ist mit Abstand das Ungewöhnlichste, Amüsanteste, Lyrischste und Abgedrehteste, was Kleinkunst-Comedy derzeit zu bieten hat.