Lokale Kultur

"Eine wahre Perle, nicht nur für die Menschen in Kirchheim"

KIRCHHEIM Wie wohl kaum eine andere Adelige hat Herzogin Henriette die sozial-politischen Geschicke Kirchheims zu Lebzeiten beeinflusst.

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DANIELA HAUSSMANN

Bis heute wirkt das karitative Schaffen der "Diakonisse im Fürstengewand" in zahlreichen Einrichtungen der Fachwerkstadt nach. Anlässlich ihres 150. Todestages stellte der ehemalige Leiter des Pädagogischen Fachseminars, Karl-Georg Sindele, ihre Rolle für das württembergische Königshaus, die eigene Familie, die Stadt und das Oberamt Kirchheim heraus. Der Titel seines Vortrags in der Schlosskapelle lautete "Herzogin Henriette, Perle des württembergischen Königshauses und der Stadt Kirchheim unter Teck".

"Es hat mich doch sehr erstaunt, dass die vor einigen Monaten zu Ende gegangene Königreichausstellung in Stuttgart von Herzogin Henriette kaum Notiz genommen hat", sagte der Historiker mit Blick auf seinen Vortrag. Im 500-Seiten-Katalog der Ausstellung wurde sie nur drei Mal, unter anderem in zwei Nebensätzen hinsichtlich der Abstammung ihrer Tochter Königin Pauline, erwähnt. Dabei, so Sindele, war die Fürstin für das ganze Königshaus von 1806 bis 1918 eine in einmaliger Weise verwandtschaftlich verbindende Person gewesen. Sie war nicht nur die Schwägerin Friedrichs I., Schwiegermutter und Tante Wilhelms I., sondern auch Großmutter von König Karl und Urgroßmutter von König Wilhelm II. Darüber hinaus war sie 37 Jahre lang auch württembergische Königinmutter.

Die damals geknüpften verwandtschaftlichen Verbindungen im familiären Umfeld der 20-fachen Großmutter und über 40-fachen Ur-Großmutter reichen in direkter Nachfolge in rund 40 Hochadelsfamilien. So sitzt mit Königin Elisabeth II. in Großbritannien derzeit eine Monarchin auf dem Thron, die eine Ur-Ur-Urenkelin Henriettes ist.

Durch diese zahlreichen Verbindungen bescherte die Herzogin der Teckstadt Besuche unter anderem aus Sankt Petersburg, Budapest oder Wien und verlieh ihr ein Flair der großen weiten Welt. Nicht zuletzt von diesen weitreichenden und vielschichtigen Beziehungen zu gekrönten und finanzstarken Häuptern ihrer Zeit lebte ihr wohltätiges Engagement. Auf den Weg gebrachte Projekte, Zuwendungen an Arme, die Vergabe von Stipendien oder kostenfreie Kuren wie ärztliche Behandlungen für Bedürftige, wurden auf diese Weise mit ermöglicht. "Henriette wurde zu einer wahren Perle nicht nur für die Menschen in Kirchheim", wie Karl-Georg Sindele feststellte. "Sie genoss einen positiven Ruf in weiten Teilen Württembergs."

Gespeist wurde ihr soziales Engagement nach Ansicht des Schriftstellers vor allem von ihrer tiefen Religiosität. Die Protestantin pflegte nicht nur einen unterstützenden Kontakt zur lokalen Geistlichkeit, sie kannte auch viele führende Theologen ihrer Zeit und besuchte Papst Pius VII. in Rom, während ihrer Italienreise 1818/19. Als eine getaufte Calvinistin und lutherisch verheiratete Frau pflegte sie Kontakt mit dem katholischen Kardinalstaatssekretär Consalvi in Rom.

Diese katholischen Berührungspunkte wurden vertieft durch ihre habsburgische Verwandtschaft in Ungarn. Gleichzeitig kam sie durch das familiäre Geflecht, das bis Sankt Petersburg reichte, mit der Orthodoxie in Berührung. Das alles machte sie nicht allein in Konfessionsfragen zu einem toleranten und generell Anteil nehmenden Menschen, sondern auch zu einer weltoffenen Persönlichkeit mit einem Sinn für die Entwicklungen in Landwirtschaft, Gewerbe und Wissenschaft. "Sie erfüllte zwar 1818/19 im Kirchenstaat keine offizielle diplomatische Mission. Doch Henriette kann als heimliche Botschafterin des lutherischen Württembergs bezeichnet werden. Sie sorgte für ein gutes Klima zum Heiligen Stuhl in Rom", unterstrich Sindele eine weitere Rolle, der Aristokratin. "Ein wesentliches Faktum. Es standen wichtige Verhandlungen über die Neuaufteilung und Neueinrichtung von Diözesen, wie jener in Rottenburg, an."

Herzogin Henriette war damit nicht nur ein verlängerter sozial- und religionspolitischer Arm des württembergischen Königshauses, sie war auch der ruhende Pol im Zentrum der Adelsfamilie. "Den Kindern war sie eine Perle, eine Engelsmutter, die ein Haus des Friedens, der Milde und Wohltätigkeit in Kirchheim führte", zitierte der Henrietten-Biograf die Bedeutung der Fürstin für ihre Nachkommen. "Doch nicht nur die eigene Familie hatte die Aristokratin ins Herz geschlossen, sondern nachweislich auch die Kirchheimer Bevölkerung und auch umgekehrt." Für Karl-Georg Sindele ist das ein Grund, über das Henrietten-Jahr 2007 hinaus zu überlegen, der Aristokratin eine Erinnerungstafel an geeigneter Stelle zu widmen.