Lokale Kultur

Episches Theater wurde zum emotionalen Theater

KIRCHHEIM Zum zweiten Mal nahm sich der Kirchheimer Kulturring mit einer Theateraufführung des Dreißigjährigen Krieges an. Wieder

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RENATE SCHATTEL

holte er sich dazu ein Ensemble der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB). Aber so sehr die erste Aufführung, Schillers Wallenstein, betont leise und verhalten geriet, umso lauter und brutaler wurde Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" inszeniert.

Brecht, der das epische Theater entwickelt hat, der damit Verfremdung wollte, um die Zuschauer emotional zu distanzieren, der jegliche dramatische Zurschaustellung, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen sollte, ablehnte, der Identifizierung mit den Protagonisten als völlig verwerflich ansah, wäre zumindest erstaunt gewesen über die Interpretation seines Stückes durch Regisseur Carlos Manuel und dessen Dramaturgen Friedrich Greiner. Bewusst hatte das Ensemble einen Regisseur beauftragt, der kein eingefleischter Brecht-Kenner ist, der damit einen freieren Zugang zu ihm, einen weiteren Blick auf das epische Theater werfen sollte.

Carlos Manuel blickte jedoch sehr weitschweifend umher und tat genau das, was Brecht nicht wollte, sein episches Theater wurde so zum emotionalen Theater, streckenweise geradezu zum Action-Theater. Es wurde viel gebrüllt, reale Handgreiflichkeiten, Schlägereien und massive sexuelle Bedrängungen ausgespielt, dass mancher treue Kulturring-Abonnent entsetzt aufseufzte. Die Epik, das erzählende Element, war vor allem in der Länge der Aufführungsdauer in aller Breite verwirklicht. Jede Handlung begleitete eine Vielfalt von symbolischen, hintersinnigen Anspielungen, die beim ersten Hinsehen nicht immer leicht zu dechiffrieren waren.

Gelungen war in jedem Fall die schauspielerische Leistung des Ensembles, allen voran Susanne Weckerle als "die Courage", welche die ganze Widersprüchlichkeit, die in der Person der Mutter und Händlerin liegt, trefflich spiegelte. Susanne Weckerle als "Mutter Courage" ist nüchterne Geschäftsfrau, weil sie Mutter ist, und ihre Kinder ernähren muss, sie kann nicht wirklich beschützende Mutter sein, eben weil sie Händlerin ist. Courages Eigensinn und Unbelehrbarkeit spielte Susanne Weckerle dezent aus. Anrührend die Szene mit Kattrin, ihrer stummen Tochter, als sie sich gegenseitig füttern.

Eva Geiler als Kattrin trug entscheidend zum emotionalen Charakter der Inszenierung bei mit ihrer berührenden Gestik. Peter Anders und Julian Greis, unter anderem als Soldaten und Feldwebel, sprachen die Texte vor den zwölf Szenen. Julian Greis, noch Student der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst in Stuttgart, glänzte als Idealbesetzung für diese Rolle, war sprechtechnisch hervorragend und als Mime erstaunlich.

Den Dreißigjährigen Krieg legte Bühnenbildner Jan Schroeder mit einem Billig-Regalsystem ins heutige Supermarkt-Zeitalter, witzig hier die Leuchtbandreklame. Krieg heißt kämpfen und sich behaupten, angedeutet in den brutalen Mann-gegen-Mann-Rangeleien, Krieg, so Dramaturg Friedrich Greiner, heißt auch, in dem Chaos den bestmöglichen Nutzen für sich selbst ziehen, wie an der angedeuteten Vergewaltigung der Courage durch den Feldprediger demonstriert wurde.

Krieg ist auch Alltagskrieg, Konkurrenzkampf, geht alle auch heute an, in der Stadthalle Kirchheim angedeutet durch die das Publikum integrierende lang hellgelassene Beleuchtung und die alltägliche Baumarktatmosphäre des variablen Regalsystems.Die Musik von Paul Dessau unterlegte Alexander Suckel mit modernen Rhythmen und Hit-Klängen, original brechtisch-rau gesungen von den Ensemble-Mitgliedern.

Markerschütternde Pistolenschüsse schreckten das Publikum beim Tod der Kattrin hoch, erschütternd und aufrüttelnd war die Aufführung, die Chronik einer Mutter wurde zum Drama einer Mutter mit großen Gefühlen. So ambivalent die Courage als Mutter und Händlerin ist, so zwiespältig reagierte das von Brecht so gerne belehrte Publikum. Einige gingen schon in der Pause mit den Worten: "Das tue ich mir nicht weiter an", andere waren sichtlich froh, dass endlich mal "action" auf der Bühne die Langeweile vertrieb, in jedem Fall sorgte die Inszenierung für erheblichen Diskussionsstoff.