Lokale Kultur

„Er denkt an sein Erbarmen“

Festlicher Glanz beim Oratorienkonzert in der Kirchheimer Martinskirche

Kirchheim. Unter dem Motto „Er denkt an sein Erbarmen“ stand das Weihnachtskonzert des Martinskirchenchors unter der Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach in der Mar-

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THOMAS ARNOLD

tinskirche. Die programmatische Aussage ist einem Canticum aus dem Lukas-Evangelium entnommen, das allen Magnificat-Kompositionen zu- grunde liegt.

Vor dem Hauptwerk des Abends erklang zunächst Max Bruchs „Die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten“, ein eher selten zu hörendes Werk, das von der Dramatik, die der Titel suggeriert, aber so gut wie nichts einlöst. Die Komposition für Sopran-solo, Frauenchor und Orchester beschwört auf der Textvorlage von Rudolf Reinick eine sechsachtelselige Naturidylle in biedermeierlich-nazarener Manier. Bruchs immer wieder bewundernswerte handwerkliche Fähigkeiten garantieren indessen das gewohnt untadelige romantische Kolorit mit Hörnerklang, feinen orchestralen Effekten und Frauenstimmen in bester romantischer Tradition – ein gefälliges Werkchen, das den meisten Zuhörern wohl eine neue Bekanntschaft vermittelte und, klangsinnig dargeboten, keine Wünsche offen ließ.

Carl Philipp Emanuel Bachs „Magnificat“ reiht sich in eine Reihe großartiger gleichnamiger Kompositionen ein. Würde und Größe, Erhabenheit und Pathos auf der einen sowie empfindsame Innigkeit und Kontemplation auf der anderen Seite geben den Rahmen dieser groß angelegten, neunsätzigen Komposition, die noch zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs entstand.

Besonders in den wirkungsmächtigen Ecksätzen ist die Hand des Lehrmeisters allenthalben zu spüren, und doch geht Carl Philipp Emanuel in den subjektiv Anteil nehmenden Arien neue Wege. Empfindsame Stimmungen („Suscepit Israel“, wunderschön ausgesungen von Christina Otey) und triumphierende Kraft („Fecit potentiam“, mit agilem Bariton von Thomas Scharr engagiert vorgetragen) zeugen gleichermaßen von der persönlichen Teilnahme des Komponisten.

Eine überwältigende barocke Meisterschaft im Kontrapunktischen äußert sich in diesem Werk insbesondere in der abschließenden grandiosen Doppelfuge. Hier demonstrierte der Chor der Martinskirche überschäumende barocke Sangeslust unterstützt wie beflügelt von einem Orchester, das dem musikalischen Tableau zusätzlich die kraftvolle Tiefenwirkung verlieh.

Demgegenüber steht eine frühklassische Gesanglichkeit, die häufig auf schlichten Achtel-Repetitionen aufsetzt, dafür aber vokalsolistisch umso anspruchsvoller auftritt. Hier bestachen Rüdiger Husemeyers klarer Tenor in der Triumph-Arie „Quia fecit“ ebenso wie Sabine Zimmermanns voller Sopran in der wunderschönen Arie „Quia respexit“, die kontrastierend zum pompösen Eingangschor steht und mit ihren emotional aufgeladenen Vorhalten als Repräsentantin des neuen empfindsamen Stils par excellence gelten darf.

Wohl behütet und geleitet von der sparsamen und klaren Zeichengebung Ralf Sachs gaben glänzend aufgelegte Bläser auf der Basis temperamentvoller wie wohldosierter Paukenattacken der Aufführung den gebührenden festlichen Glanz.