Lokale Wirtschaft

Erdwärme sorgt jederzeit für "behagliche Arbeitsplätze"

Bis jetzt ist hinter dem Weilheimer Rathaus vor allem ein ungeheuer großes Loch zu sehen, aus dem einmal eine zweigeschossige Tiefgarage werden soll. Über die gesamte Baugrube verteilt gibt es derzeit aber noch 13 weitere Löcher mit geringem Durchmesser und einer Tiefe von 80 Metern. Aus diesen Löchern soll einmal die Wärme kommen, die den Anbau beheizt.

ANDREAS VOLZ

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WEILHEIM "Erdwärme steht in fast unbegrenztem Ausmaß zur Verfügung, wir müssen sie nur nutzen", sagte Diplom-Geologe Matthias Hiller beim gestrigen Pressegespräch im Weilheimer Rathaus über die Beheizung des Erweiterungsbaus durch Geothermie. Der Geschäftsführer des zuständigen Stuttgarter Ingenieurbüros für Geotechnik, Henke und Partner, zählte noch weitere Vorteile dieser innovativen Form der Energiegewinnung auf. Die Nutzung der Erdwärme sei sehr umweltfreundlich, zum einen, weil sie emissionsfrei ist, und zum anderen, weil sie keine "Landschaftsverschandelung" mit sich bringe.

Der Begriff "Geothermie" könne allerdings zu Missverständnissen führen, da im Falle des Weilheimer Rathausanbaus vergleichsweise wenig Wärme aus dem Erdinneren genutzt werde. Der überwiegende Teil der verwertbaren Energie werde an der Oberfläche in den Boden eingetragen, durch Sonnenstrahlen und Niederschlagswasser. "Es handelt sich also auch um eine indirekte Nutzung der Sonnenenergie", bemerkte Matthias Hiller, bevor er die Details zur Erdwärme erläuterte.

Normalerweise wird mit einem Durchmesser von 154 Millimetern bis in 99 Meter Tiefe gebohrt, weil ab 100 Metern eine zusätzliche bergrechtliche Genehmigung erforderlich wäre. In Weilheim allerdings, führte Diplom-Geologe Hiller weiter aus, müssen die Bohrungen aus wasserrechtlichen Gründen bereits nach 80 Metern aufhören, an der Oberkante der Arietenkalke, da unterhalb davon Mineralwasser zu erwarten sei. In jedes der rund 20 Bohrlöcher werden zwei U-Rohre eingelassen, die als Medium für die Wärmetauscherflüssigkeit dienen.

Bei dieser Flüssigkeit handelt es sich um ein Glykol-Wassergemisch, fuhr Dieter Klatzschke vom Wendlinger Büro "Ingenieur Partnerschaft" nahtlos mit den Erklärungen fort. Das Gemisch kommt mit einer Temperatur von etwa elf Grad Celsius aus der Tiefe, wird mittels Wärmepumpe abgekühlt und begibt sich mit zwei frostigen Minusgraden wieder auf den Weg nach unten zum Aufwärmen. Die gewonnene Wärme wird durch die Pumpe noch zusätzlich ,angeheizt' und soll im Winter für angenehme Temperaturen im Rathausanbau sorgen.

Das Zauberwort heißt in diesem Fall "Betonkerntemperierung". Über Heizschlangen, die in der Decke einbetoniert werden, lassen sich die Räume über Nacht aufheizen. Tagsüber regulieren Zusatzheizflächen in der Randzone die Temperatur in den neuen Rathausbüros. "Behagliche Arbeitsplätze" verspricht Ingenieur Dieter Kratzschke den städtischen Bediensteten und bezieht sich dabei nicht nur auf das Raumklima im Winter, sondern auch im Sommer: "Wasser zu zehn Grad Celsius haben wir immer zur Verfügung. Im Sommer kühlen wir damit."

Architekt Karl-Heinz Single von der Nürtinger Werkgemeinschaft Weinbrenner-Single sieht gerade in der Kühlung einen weiteren entscheidenden Vorteil der Geothermie gegenüber herkömmlichen Heizsystemen. Bei der gegenwärtigen Witterung kaum vorstellbar, erinnerte er gestern im Weilheimer Rathaus doch an die sommerlichen Hundstage, mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius: "Die Kühlung verbessert dann die Arbeitsplatzqualität deutlich."

Im Vergleich zu einer Öl- oder Gasheizung schlägt die Geothermie in der Investition mit Mehrkosten von etwa 120 000 Euro zu Buche, rechnete Bürgermeister Hermann Bauer gestern vor. Diese Kosten bringen aber einerseits den Nebeneffekt einer Klimaanlage in den wärmeren Jahreszeiten mit sich, und andererseits amortisiert sich die Investition für die Stadt Weilheim nach spätestens 15 Wintern. Gemessen an heutigen Preisen für fossile Energie lassen sich durch Erdwärme Jahr für Jahr rund 8 000 Euro an Heizkosten einsparen. Stadtbaumeister Roland Rendler fügte zu diesen Zahlen noch hinzu, dass der Wärmebedarf des Weilheimer Rathausanbaus ungefähr dem von 15 Einfamilienhäusern entspricht. "Diese Energie wird hier über Geothermie erzeugt."

Für Architekt Karl-Heinz Single übernimmt die Stadt Weilheim, die ja auch den Kindergarten in der Bahnhofstraße bereits seit 2002 mit Erdwärme beheizt, eine wichtige Vorbildfunktion. Daran sollten sich nach seiner Vorstellung auch möglichst viele private Bauherren orientieren: "Die Geothermie ist nichts Exotisches. Die Techniken sind da, und die Konkurrenzfähigkeit ist gegeben. Die Erde liefert uns viel mehr Energie, als wir nutzen können."