Lokale Kultur

"Erinnerungen an den "Ikarus vom Lautertal" im club bastion

KIRCHHEIM Hochbetagt starb im Jahre 1994 Gustav Mesmer, der "Ikarus vom Lautertal" und wenn man die Fotos des alten Mannes betrachtet, sieht man einen ausgeglichen wirkenden Menschen, der mit seinem Leben zufrieden zu sein

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USCHI NEROLADAKIS

scheint. Doch verlief sein Leben jahrzehntelang äußerst tragisch. Als Abschlussveranstaltung des kulturellen Rahmenprogramms zum 20-jährigen Bestehen von SOFA, dem sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen, wurde im club bastion vor ausverkauftem Keller das Hörspiel vom "Ikarus vom Lautertal" aufgeführt.

Holger Reile schrieb den Text, der den bemerkenswerten Lebensweg von Gustav Mesmer nachzeichnet, und er las an diesem Abend auch den Part des Erzählers. Michael Heinsohn schlüpfte in die Rollen der verschiedenen Psychiater, die ihre Befunde in der Krankenakte Gustav Mesmers hinterließen und Bernd Schlegel las aus den persönlichen Aufzeichnungen von Gustav Mesmer. Die Brüder Georg und Alexander Köberlein, bekannt als Musiker von "Grachmusikoff" und "Schwoißfuaß" sorgten für die musikalische Umrahmung des Geschehens.

Am 16. Januar 1903 wurde Gustav Mesmer in eine kinderreiche Familie hineingeboren und schon mit elf Jahren musste er von der Schule abgehen und sich als "Verdingbub" auf verschiedenen Gutshöfen seinen Lebensunterhalt verdienen. Sein Weg führte ihn schließlich ins Kloster, das er fast sechs Jahre später, kurz vor Ablegung der heiligen Gelübde, wieder verließ, weil er mit dem Leben hinter den Klostermauern nicht zurechtkam.

Wohl noch durch die strenge Klosterzeit beeinflusst, störte er einige Zeit später in seinem Heimatort Altshausen in der Nähe von Ravensburg die Konfirmationsfeier in der Dorfkirche. Als Folge dieses Eklats wurde er wenige Tage später in die Heilanstalt Bad Schussenried eingeliefert. Dort wurde bei ihm eine langsam fortschreitende Schizophrenie diagnostiziert. Insgesamt 35 Jahre musste Gustav Mesmer dann in verschiedenen Anstalten verbringen, alle seine eindringlichen Bitten um Entlassung blieben ungehört und seine zahlreichen Fluchtversuche endeten tragisch.

Gustav Mesmer galt als fleißiger Arbeiter, wurde als Buchbinder und Korbflechter beschäftigt, doch seine ganze Kreativität und Fantasie widmete er dem Traum vom Fliegen. Er zeichnete und bastelte Flugmodelle und hoffte auf "einen kleinen Flugverkehr von Dorf zu Dorf". Erst im Alter von 61 Jahren konnte Mesmer das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weissenau verlassen. Auf Betreiben seines Bruders wurde er schließlich in ein Altenheim in Buttenhausen verlegt. Dort verbrachte er die wohl glücklichsten Jahre seines Lebens.

Gustav Mesmer schrieb und malte und vor allem konnte er in einer kleinen Werkstatt an seinen skurrilen Flugmaschinen bauen. "Er hod fliaga wella wia a Schwalb, er hod fliaga wella mid em Fahrrad über d' Alb", lautete der Refrain des Liedes der Brüder Köberlein über den "Ikarus vom Lautertal", wie er in späteren Jahren durchaus liebevoll genannt wurde.

Obwohl er unermüdlich in der Umgebung von Buttenhausen mit seinen fantasievollen Maschinen steile Wege hinunterdonnerte und sogar den damaligen Ministerpräsidenten Filbinger zu einem Probeflug einlud, ging sein Traum nie in Erfüllung, mit Muskelkraft zu fliegen. Als Höhepunkt seiner späten Karriere durfte Gustav Mesmer jedoch noch miterleben, dass eine seiner Flugmaschinen 1992 bei der Weltausstellung in Sevilla gezeigt wurde.