Lokale Wirtschaft

"Es geht nicht aufwärts, wir dümpeln seitwärts"

Das Handwerk ist ein Wirtschaftsfaktor im Land, der wieder viel mehr in den Mittelpunkt wirtschaftpolitischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rücken muss, dies forderte der scheidende Landeshandwerkspräsident Klaus Hackert bei der Vorlage des Geschäftsberichts des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT).

STUTTGART Das Handwerk im Land Baden-Württemberg schloss das Jahr 2004 mit Einbrüchen bei den Umsätzen und den Beschäftigten ab, teilte Hackert mit. Die rasante Talfahrt der Geschäftslage, die im Herbst 2000 einsetzte, sei zwar seit Herbst 2003 gestoppt. Leider gehe es seither nicht annähernd im selben Tempo aufwärts: "Wir dümpeln seitwärts, ein leichter Anstieg ist zu verzeichnen, wir bleiben aber weiterhin unterhalb der Wachstumsphase", lautete die aktuelle Einschätzung

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Das beherrschende Thema des vergangenen Jahres sei natürlich die Umsetzung der Handwerksnovelle gewesen. Heute müsse man eindeutig feststellen: "Die Entscheidung, für mehr als die Hälfte der Handwerksberufe die Notwendigkeit einer geeigneten Qualifikation für die selbstständige Ausübung zu streichen, war falsch. Die negativen Auswirkungen sind unübersehbar." Nach der Novelle habe das Handwerk in Baden-Württemberg zwar einen Gründerboom erlebt. Ein Jahr nach Inkrafttreten seien die Betriebszahlen um 3,3 Prozent auf 120 780 Betriebe gestiegen. Hackert: "Parallel dazu aber sinken die Umsätze und Arbeitsplätze werden abgebaut."

Knapp zwei Drittel der Neugründungen entfielen neuerdings auf nur zwei zulassungsfreie B1-Handwerke, in denen kein Meisterbrief mehr notwendig sei: die Fliesen-, Platten- und Mosaikleger und die Gebäudereiniger. Die beiden Berufe also, die die Diskussion im ersten Halbjahr 2005 über die Billiglohnkonkurrenz über Scheinselbstständige aus den osteuropäischen Ländern bestimmt haben. Hier sei eine Art von Betriebswachstum erzeugt worden, die auch von der Bundesregierung bei der Novellierung so nicht gewollt sein konnte.

Umsätze gingen steil bergabDeutlich steil bergab ging es mit den Umsätzen im baden-württembergischen Handwerk. 2004 lag der Gesamtumsatz bei 62,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem Minus 2,7 Prozent. "Damit liegen wir sogar noch unter dem Vergleichwert von minus 2,1 Prozent für das Handwerk in Gesamtdeutschland", erklärte Hackert.

Auch der Beschäftigtenabbau setzte sich unvermindert fort. Die Zahl der im Gesamthandwerk in Baden-Württemberg Beschäftigten liege mit rund 774 000 so tief wie noch nie zuvor. Mehr Handwerksbetriebe denn je mussten außerdem im vergangenen Jahr endgültig die Segel streichen.

Im Jahr 2004 wurden bei den Amtsgerichten Baden-Württembergs insgesamt 3191 Unternehmenskonkurse entschieden. Bei jedem vierten Verfahren handelte es sich um einen Betrieb mit einem Eintrag in die Handwerksrolle. Insgesamt gab es 795 Konkurse, die Handwerksunternehmen betrafen. 52 Prozent der insolventen Handwerksunternehmen gehörten zu den Sparten des Bereichs Baugewerbe.

Minimale BesserungHackert bezeichnete die Situation als Besorgnis erregend. Dies werde durch die Ergebnisse der aktuellen Umfrage des Handwerkstages für das zweite Quartal 2005 erneut bestätigt. Die konjunkturelle Entwicklung im baden-württembergischen Handwerk sei im ersten Halbjahr 2005 zwar minimal besser verlaufen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, von einem spürbarer Aufwind könne aber keine Rede sein. Die Geschäftslage sei nach wie vor unbefriedigend, die Erwartungen für die kommenden Monate alles andere als hoffnungsvoll, die Investitionsbereitschaft im Handwerk bleibe deutlich zurückhaltend.

Ein Hoffnungsschimmer Der BWHT-Konjunkturindikator, der die Stimmung unter den Handwerksbetrieben widerspiegle, liegt im zweiten Quartal 2005 zwar mit aktuell 23 Punkten um sieben Punkte höher als im Vorjahr, im Vergleich zu den Jahren 2000 und 2001 liegt der Index allerdings mittlerweile um satte 20 Punkte niedriger. Einen leichten Hoffnungsschimmer meldeten das Bau- und das Metallgewerbe, die beide im Vorquartal noch wesentlich das Absinken des Konjunkturindikators verursacht hatten. Im Baugewerbe stieg der Indikator um 10, im Metallgewerbe sogar um 15 Punkte an.

Für das laufende Jahr 2005 haben sich die gesamtwirtschaftlichen Prognosewerte seit Jahresbeginn kontinuierlich reduziert. Dies gelte auch für das Handwerk, sagte Hackert. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks gehe von einem Umsatzrückgang bundesweit von minus einem Prozent aus. Der BWHT schätzt für das baden-württembergische Handwerk einen Rückgang zwischen 0,8 und einem Prozent. Hackert: "Deutlich stärker werden die Rückgänge bei der Beschäftigung sein." Sie seien bundesweit und auch in Baden-Württemberg im Bereich von minus zwei Prozent anzusetzen.

Nachwuchs im BlickSchwerpunkt in diesem und auch in den folgenden Jahren werde die Sicherung des Nachwuchses im Handwerk sein, so Hackert weiter. Die Betriebe nähmen alle Kraft zusammen, um die traditionelle Ausbildungsbereitschaft des Handwerks zu erhalten. Dass sie aktuell sogar etwas gesteigert werden konnten, gleiche in der derzeitigen Situation einem Wunder.

Bis Ende Juni 2005 sind seit Jahresbeginn insgesamt 6644 neu abgeschlossene Lehrverträge bei den Handwerkskammern eingegangen. Dies entspricht einem Zuwachs von 203 Neuverträgen oder 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit schneidet das Handwerk insgesamt deutlich besser ab, als im Vergleich die baden-württembergische Industrie.