Kirchheim

Es gibt nur Gewinner

Schüler des Schlossgymnasiums lesen eigene Texte vor

Kirchheim. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass die heutige Jugend in ihrer Freizeit ein Buch in die Hand nimmt und sich Blatt für Blatt

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in die Lektüre vertieft. Stattdessen sieht man sie mit Knopf im Ohr vornübergebeugt auf Smartphones und Tablets herumfingern.

Dass es auch heute noch Jugendliche gibt, die einen Zugang zur Literatur haben, ja mehr noch, dass sie literarische Texte selbst produzieren, das bewies das „Junge Forum“, eine Veranstaltung des Literaturbeirats. Schüler des Schlossgymnasiums lasen im Max-Eyth-Haus in Kirchheim eigene Texte vor.

Wenn Schüler selbst Texte schreiben, so erweitert sich ihr Horizont bei der Interpretation von Texten im Deutschunterricht. Der kreative sprachliche Prozess fördert den Spaß an der Materie und schult die Wahrnehmung beim Umgang mit fremden Texten. Die bekannten positiven Wirkungen des Lesens werden noch verstärkt – zum Beispiel wird beim Erfinden von Identitäten die eigene Persönlichkeit weiterentwickelt. Erfreulich viel Publikum war gekommen und konnte erfahren, was junge Leute bewegt und zu welch erstaunlichen literarischen Leistungen sie fähig sind.

Nach der Begrüßung durch die Literaturbeiratssprecherin Renate Treuherz übernahm Karin Ecker vom Schlossgymnasium die Moderation. Die Deutschlehrerin hat offensichtlich die Gabe, Schüler zum Schreiben von literarischen Texten zu motivieren und eine Lesung auf die Beine zu stellen. Immerhin lasen sieben Schülerinnen und zwei Schüler von Klasse sieben aufwärts eigene Prosatexte verschiedener Art, meist Kurzgeschichten, vor.

Vanessa Schmid, Klasse 10, brachte den Laden in lebendiger Poetry-Slam-Manier in Schwung. Man lässt sich mitreißen bei dem Vortrag von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und begreift erst nachträglich den Sarkasmus: Der personifizierte Krebs, die heutige Volkskrankheit, sucht sich ein möglichst unschuldiges Opfer aus. Paula Bemmann, Klasse 7, war die jüngste Autorin. Bei einem Schreibwettbewerb erfolgreich, darf sie in den Ferien eine Woche an einer Schreibwerkstatt teilnehmen. Sie schreibt leidenschaftlich gern und bevorzugt Fantasygeschichten, die schließlich im Trend liegen. Eine Kostprobe gab es aus „Engel aus Kristall“. Sie weiß schon mit den Stilmitteln der Gattung umzugehen und arbeitet sie in erstaunlicher Weise beim Vorlesen heraus.

Nun gab es ein originelles Intermezzo. Karin Ecker verteilte Pfefferminzblätter und -bonbons. Das Publikum wurde eingestimmt auf das Thema „Pfefferminzgefühl“. Drei Schülerinnen hatten bei „Zeichen setzen“, einem Schreibwettbewerb der „Akademie der Kommunikation Stuttgart“, Kurzgeschichten eingereicht. Damit war Vanessa Schmids zweiter Auftritt fällig. In ihrer Geschichte revidiert die Erzählerin ihre Vorurteile gegenüber einem Immigranten. Dekoriert mit dem ersten Preis dieses Wettbewerbs las Chanaya Lipp, Jahrgangsstufe 1, ihre Geschichte „Von Sternen und Bonbons“ vor. Mit großem poetischen Einfühlungsvermögen erzählt sie von einem Jungen, der unter den verschiedenen Zuständen seines alkoholkranken Vaters zu leiden hat. Einen zweiten Preis konnte Elaine Donderer, Jahrgangsstufe 1, mit ihrer herzergreifenden Liebesgeschichte „Kälte“ erringen.

Jungen im Pubertätsalter wird Literaturferne nachgesagt. Nicht so bei Achim Scholz und David Kies aus der Jahrgangsstufe 1. Achim Scholz‘ Kurzgeschichte „Getting lost“ ist von Max Frischs „Homo Faber“ inspiriert. Angeregt durch Bildsequenzen mit Autofahrten und Flügen philosophiert der Erzähler über den Sinn seines Seins. David Kies hingegen prangert in seiner Geschichte „Paul und Hannah“ die Unmenschlichkeit der Judenverfolgung in der Nazizeit an.

Zwei Abiturienten des Jahres 2016 haben einen Roman geschrieben. Das Einzige, was noch fehlt, ist ein Verleger. Autorin Natalie Lehmler moderierte, Coautorin Johanna Augschill las Kostproben vor, die die sprachliche Souveränität und die Kreativität der beiden Autorinnen offenbarten. Den Abschluss der Lesung bildete der Reisebericht von Sarah Lorenz, einer Abiturientin des letzten Jahres. Man kann nur staunen, was sie von ihrer Tätigkeit für die christliche „Jugend mit einer Mission“ zu erzählen hat.

Es war eine lange und gleichzeitig kurzweilige Lesung, aufgelockert mittels entspannender Musikeinlagen durch Abiturientinnen des letzten Jahres, Luisa Heilemann am Saxofon und Julia Lorenz am Keyboard.