Lokale Kultur

Es sind Bilder, die die Sehnsucht nach der guten alten Zeit wecken

Was lange währt, wird endlich gut. So könnte man das umschreiben, was sich in den Gesichtern der Beteiligten bei der Vorstellung der Biografie des Unterensinger Malers Gustav Kemmner spiegelte.

BARBARA GOSSON

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Erst im Oktober hatte die Gemeinde grünes Licht für die Drucklegung der Biografie gegeben, deren Erstellung 2002 beschlossen worden war. Am Freitag wurde sie in der Michaelskirche erstmals feierlich der Öffentlichkeit präsentiert.

Die musikalische Umrahmung und die Bewirtung oblag dem Heimatchor unter seinem Dirigenten Paul Theis. Viele Bürger hatten den Weg zum Festakt in die Michaelskirche gefunden. Nach einer musikalischen Einstimmung durch den Chor sprach Bürgermeister Sieghart Friz ein Grußwort. Zunächst dankte der Bürgermeister allen, die das Erscheinen der Biografie möglich gemacht hatten, den Unteresinger Unternehmervertretern, den Besitzern der Kemmner-Bilder, den Mitgliedern des Freundeskreises, Karl Melchinger, der die Bilder alle dokumentiert und für den Bildteil ausgewählt hatte, Günter Kaßberger, der viel für Organisation und Werbung getan hatte und nicht zuletzt den Autoren Dr. Christine Breig und Dr. Gerhard Hergenröder. Er bezeichnete Gustav Kemmner als den großen Sohn der Gemeinde und schilderte die Bemühungen, seit dem Erscheinen des Heimatbuches den Maler der Öffentlichkeit wieder bekannt zu machen.

Das Gustav-Kemmner-Zimmer im Alten Schulhaus als gemeindliche Einrichtung, betreut vom ehrenamtlichen Gustav-Kemmner-Beirat, sei mittlerweile ein Kristallisationspunkt des kulturellen Lebens der Gemeinde geworden. Das Erscheinen der Biografie stelle hierbei den Höhepunkt der Bemühungen dar, dem Maler seinen gebührenden Platz in der Kunstgeschichte zu verschaffen.

Als Gastgeber sozusagen sprach auch Pfarrer Thomas Thiel einige Worte über den Maler Kemmner. "Wer würde sich nicht eine Biografie, eine Lebensschreibung wünschen", begann er seine Ausführungen. "Wer wünscht sich nicht, dass sein Leben für so wichtig gehalten wird, dass es nicht vergessen wird? Kemmner fände es sicher schön, dass man seiner so gedenkt." Die Bilder Kemmners seien ihm oft bei Besuchen im Ort begegnet, der Stil sei nicht zu verwechseln. Er habe Bilder hinterlassen, die die Sehnsucht nach der guten alten Zeit wecken. "Das zerbrechende Geheimnis seiner Zeit wollte er bewahren, einer Zeit, in der man sich fragte, ob ein Baum nur ein Rohstofflieferant oder doch mehr ist."

In der Michaelskirche sei Kemmner natürlich getauft, konfirmiert und getraut worden. Gemalt habe er die Kirche oft, doch gemocht nie, da sie zu seiner Zeit eine Kirche der Wohlhabenden gewesen sei. Dabei sei die Kunst einer der Wege, Gott denkend zu erfassen. "Es passt in unsere Zeit, in der wir entdecken, dass es schönere Kurven als den DAX-Verlauf gibt, dass man einen Maler wiederentdeckt, der das Schöne und die Heimat gemalt hat", schloss Thiel.

Günter Kaßberger, Gemeinderat und Mitglied im Gustav-Kemmner-Beirat, plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen der Buchherstellung. Vom Layout über die Bildbearbeitung bis zu den Inhalten war es eine regelrechte Puzzle-Arbeit, bis das Buch in druckreifer Fassung war. "Es sollte ein Buch für alle werden, die sich mit Kemmner verbunden fühlen und ein Buch für die Kunstwelt." So habe er jetzt ein Werkverzeichnis aller bislang bekannter Bilder Kemmners, aber auch über 100 farbige Abbildungen. Leider hatten einige Bildbesitzer Abdruckgenehmigungen verweigert. Kaßberger verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass sich nach Erscheinen der Biografie noch Menschen melden, die Kemmner-Bilder haben oder sich an Details aus seinem Leben erinnern.

Begleitet von einer Diaschau der Werke Kemmners und Paul Theis am Klavier schritt Kaßberger noch einmal die Lebensstationen des 1875 geborenen Malers ab. Von der bäuerlichen Welt des dörflichen Unterensingen, in der er immer verhaftet blieb und die immer Gegenstand seiner Bilder bleiben sollte. "Fast immer stellten seine ländlichen Motive Erntebilder dar", führte Kaßberger aus. Kemmner als Chronist der alten Zeit hielt auch viele der Orte aus der Umgebung fest. Nürtingen, das damals noch Oberamtsstadt war oder das noch selbstständige Oberensingen, wo er lange im "Schlössle" von Julius Kornbeck lebte. Reutlingen mit der Achalm oder der Hohenneuffen sind häufige Motive. Erst im Alter von 45 Jahren schloss er die Ehe mit Karoline Leicht, Kinder hatten die Eheleute keine. Eine weitere Station war die Dachauer Künstlerkolonie, damals eine der größten in Deutschland. Hier hatte es ihm der Ammersee angetan, von dem er viele Bilder malte. Seine letzte Heimat war Stuttgart-Mühlhausen, wo die Eheleute ein kleines Haus bewohnten. Im Atelier dort war Kemmner aber nur, wenn es regnete oder schneite. Sonst unternahm er weite Wanderungen mit der Staffelei. "Er überlieferte den Ort so, wie er vor Krieg und Zerstörung war. So wird ein jedes seiner Bilder zu einem Mahnmal für den Frieden", schloss Kaßberger.

Im Anschluss wurde die Biografie im Alten Schulhaus und im Turm der Kirche verkauft und auf Wunsch von den Autoren Breig, Melchinger und Hergenröder signiert. Kaßbergers Hoffnung, weitere Kemmner-Bilder zugetragen zu bekommen, wurde prompt erfüllt. Ein Herr aus Reutlingen hatte einen bislang unbekannten Kemmner dabei, über den man rasch ins Gespräch kam.