Kirchheim

Falscher Ehrgeiz führt zu Frust

Jedes Jahr können Schüler nicht versetzt werden, weil sie auf der falschen Schule gelandet sind

Heute gibt es Zeugnisse. Einige Schüler müssen eine Ehrenrunde drehen. Dass sich diese Fälle häufen, schreiben Schulleiter auch falschen Erwartungen zu.

Schulleiter Clemens Großmann unterschreibt Zeugnisse. Nicht in jedem Heft steht eine erfreuliche Botschaft. Foto: Carsten Riedl
Schulleiter Clemens Großmann unterschreibt Zeugnisse. Nicht in jedem Heft steht eine erfreuliche Botschaft. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Endlich Sommerferien! Während die meisten Schüler den letzten Schultag schon lange herbeisehnen, halten einige dann schwarz auf weiß in den Händen, was sie schon seit Wochen wissen: Sie werden nicht versetzt. Für die Schüler ist das eine Katastrophe. Sie werden aus ihrem Umfeld gerissen und sind häufig frustriert. Dass so etwas auf weiterführenden Schulen immer häufiger vorkommt, liegt laut einigen Schulleitern auch daran, dass Eltern nicht auf die Empfehlung in der 4. Klasse hören müssen.

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Am heutigen Tag, dem letzten Schultag, gibt es keine großen Überraschungen mehr. „Wer ein bisschen rechnen kann, weiß doch schon, was auf seinem Zeugnis steht“, sagt Lucia Heffner, Schulleiterin am Kirchheimer Schlossgymnasium. Mit den Schülern, die eine Ehrenrunde einlegen müssen, haben die Lehrer schon vor einigen Wochen gesprochen.

Die Ursachen fürs Sitzenbleiben sind vielfältig: mangelnde Deutschkenntnisse, das rasante G8 oder einfach die falsche Schulart sind häufige Gründe, wieso Schüler irgendwann nicht mehr mitkommen. „Am besten lernt, wer sich wohlfühlt“, sagt Heffner. Überforderte Schüler fühlen sich selten wohl. Tatsache ist: In ganz Baden-Württemberg nehmen die Zahlen der Sitzenbleiber immer weiter zu. 2012 mussten noch 0,7 Prozent der Schüler die Klasse wiederholen. Seitdem stieg die Zahl auf 4,3 Prozent.

Der Schulleiter der Freihof-Realschule, Clemens Großmann, hat einen Verdacht, woran das liegt. Seit 2012 können Eltern nach der 4. Klasse selbst entscheiden, auf welche weiterführende Schule das Kind gehen soll. Gymnasien und Realschulen sind begehrt – auch bei Eltern, die eine andere Empfehlung von den Grundschullehrern bekommen haben. Viele wollen, dass es ihrem Kind mal besser ergeht als ihnen selbst. „Für das Kind ist das aber vor allem frustrierend“, sagt Großmann. Die Folgen der falschen Anmeldungen spürt er im Schulbetrieb deutlich: An seine Realschule kommen jedes Jahr Ex-Gymnasiasten, denen das „Turbo-Abi“ zu schnell ging. Unter den Fünftklässlern der Freihof-Realschüler muss etwa jeder Zehnte wiederholen.

Nicht alle Schüler können das auf die leichte Schulter nehmen: „Viele fühlen sich als Versager und denken, sie seien weniger Wert“, lautet Roswitha Syllas Erfahrung. Sie leitet die Psychologische Beratungsstelle der Stiftung Tragwerk in Kirchheim. Außerdem werden die Jugendlichen aus ihrem sozialen Umfeld gerissen, wenn sie die Klasse oder gar die Schule wechseln. In dem Moment seien besonders die Eltern gefragt – mit Trost und Unterstützung. Strafen hält Sylla in diesem Moment für wenig hilfreich: „Das Kind ist doch sowieso schon am Boden zerstört“, sagt sie. „Wie passt das denn zusammen?“

Die Weichen für die Zukunft des Kindes werden in der letzten Klasseder Grundschule gestellt. Dort versucht man das Dilemma zu vermeiden. „Wir reden uns in den 4. Klassen den Mund fusslig, damit die Eltern die Kinder auf die richtige Schule schicken“, erzählt Gerhard Klinger, der dieses Jahr zum letzten Mal als Schulleiter die Zeugnisse an der Raunerschule unterschreibt. Trotzdem sieht er jedes Jahr nach eigener Schätzung ein Fünftel der Eltern die falsche Wahl treffen. „Zwei Jahre später kommen die Kinder gebrochen zu uns zurück auf die Werkrealschule.“ Die langwierigen Folgen: Einige haben die Lust am Lernen komplett verloren, sind frustriert. Natürlich gibt es auch die, die es cool nehmen. Laut Klinger sind die jedoch in der Minderheit.

Die Schulleiter raten von Anfang an vorsichtig zu sein – eher zu niedrig zu stapeln als zu hoch. „Wir haben in Baden-Württemberg eine unglaublich hohe Durchlässigkeit“, erklärt zum Beispiel Gerhard Klinger. Jedes Kind könne in die nächstbessere Schulart wechseln, wenn die Noten stimmen. Ein Kind, das dort nicht hinpasst, durchs Gymnasium zu drücken, sei der falsche Weg.