Lokale Wirtschaft

Fast „reiner Sonnenschein“

Oktober und November trüben die Bilanz der Agentur für Arbeit

„Hätte die Jahrespressekonferenz im Oktober stattgefunden, hätte ich reinen Sonnenschein verkünden können“, war sich Heidrun Schulz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göppingen, sicher. „Aber das Jahr geht nicht so positiv zu Ende wie wir gedacht haben“, bremste sie die aufgekommene Freude an der Jahresbilanz der Göppinger Agentur.

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Rudolf stäbler

Göppingen. Doch so pessimistisch, wie die derzeitige wirtschaftliche Lage von vielen „Fachleuten“ gesehen wird, sah die Chefin der Göppinger Arbeitsagentur die Situation keinesfalls. Schulz wird im Übrigen die Göppinger Agentur ab dem 1. Januar 2009 für ein Jahr verlassen. Sie wird in Niedersachsen gebraucht, um dort als Spezialistin für die Grundsicherung (Hartz IV) zuständig zu sein. „Jetzt muss ich Hochdeutsch lernen“, um sich gleich anschließend über die doch sehr positiven Zahlen, die sie vorlegen konnte, zu freuen.

So waren im Agenturbereich Göppingen im Jahr 2005 6,01 Prozent (24 300 Personen) arbeitslos gemeldet, 2006 waren es noch 5,5 Prozent, bis zum Jahr 2007 sank die Zahl auf 4,7 Prozent, um letztlich 2008 bei 3,6 Prozent zu landen, was rund 14 500 Arbeitssuchenden entspricht. Dabei hat die Geschäftsstelle Leinfelden- Echterdingen mit einer Quote von 2,5 Prozent noch immer den günstigsten Arbeitsmarkt. „Das wird lange dauern, bis man solch einen Sprung wieder erleben kann“ ist sich die Scheidende sicher. Und noch einen großen Erfolg konnte sie vermelden: In diesem Zeitraum gingen der Agentur 52 000 neue arbeitslose Personen zu und 54 000 Vermittlungen bewerkstelligte die Agentur.

Im Bezirk der Agentur für Arbeit Göppingen hat sich die Arbeitslosigkeit auch in den beiden Job-Centern reduziert: beim Job-Center Göppingen ist die Zahl der Arbeitslosen um 14,7 Prozent zurückgegangen, beim Job-Center Landkreis Esslingen um 12,2 Prozent. Die drei vor dem Komma sieht Schulz für das nächste Jahr kaum als machbar an. Die Arbeitslosigkeit sei in den letzten beiden Monaten deutlich angestiegen, wobei die Fachfrau den Höhepunkt erst im Januar erwartet. Eine einheitliche Stimmung bei den Unternehmen der Göppinger Agentur könne zurzeit keinesfalls festgestellt werden, betonte sie. Von der Bemerkung „bei uns bricht alles weg“, bis „unsere Auftragsbücher sind voll“, sei alles zu hören gewesen. Schwierigkeiten sieht Schulz vor allem für weniger qualifizierte Arbeitnehmer.

Dies war das Stichwort für Bettina Münz, Geschäftsführerin im operativen Bereich. Ihr liegt die Ausbildung der jungen Leute am Herzen. Bei einer entspannteren Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt gebe es noch 14 Jugendliche, die zum 30. September 2008 keinen Ausbildungsplatz erhalten hatten. Dies sei in erster Linie aber ein strukturelles Problem, da die Anforderungen in den Ausbildungsinhalten weiter angestiegen sind. Dennoch konnte die Agentur für Arbeit im Berichtsjahr 2008 jedem Jugendlichen ein Angebot unterbreiten. Erfreulicherweise konnte auch die Zahl der Altbewerber (Jugendliche, die bereits in den Vorjahren eine Schule verlassen haben) reduziert werden. Mit erhobenem Zeigefinger stellte Bettina Münz fest, dass trotz der Vielfalt an Angeboten, die für die Jugendlichen zur Verfügung stehen, eine erfolgreiche Vermittlung nicht möglich ist, „wenn die Bewerber keine Motivation zeigen“.

Positive Signale sah Heidrun Schulz auch aus der Entwicklung der gestiegenen Kurzarbeiterzahl in den Monaten Januar bis September 2008. Ein Ansteigen der Kurzarbeit zeige nämlich, dass die Betriebe nicht gleich zur Kündigung schreiten, sondern ihre guten, ausgebildeten Arbeitskräfte halten wollen. Der Höchststand an kurzarbeitenden Menschen war mit 825 im Februar erreicht; im September lag die Zahl bei 595.

Riesige Summen werden in den Arbeitsagenturen jedes Jahr eingesetzt. So wurden von den Gesamtausgaben von 232,4 Millionen Euro rund 125,3 Millionen Euro der größte Anteil (rund 54 Prozent) für die Gewährung des Arbeitslosengelds ausgegeben. Dabei ist die Auszahlung für das Arbeitslosengeld gegenüber dem vergangenen Jahr um rund 29 Millionen Euro gesunken. Im Jahr 2007 wurden in den beiden Job-Centern rund 94 Millionen Euro ausgegeben. Im Jahr 2008 werden die Ausgaben für die Leistung von Arbeitslosengeld II, das in den Job-Centern der Landkreise Esslingen und Göppingen ausbezahlt wird, voraussichtlich vier Prozent geringer als im Vorjahr ausfallen. Dieser Betrag setzt sich aus der Regelleistung, den Sozialversicherungsbeiträgen zur Renten-, Pflege- und Krankenversicherung, den Leistungen für Mehrbedarf und den Geldleistungen zur Anschaffung von Sachleistungen zusammen.

Heidrun Schulz betonte hierzu, dass durch die Arbeitsmarktpolitik der Göppinger Agentur einerseits strukturelle Schwächen und individuelle Arbeitslosigkeit bekämpft würden, andererseits der Arbeitsmarkt entlastet werde. Mangelnde Qualifikation sei immer noch, und das werde so bleiben, mangelnde Qualifikation. Diese sei, so Schulz, eines der schwerwiegendsten Vermittlungshemmnisse und werde mit immer weiter wachsenden Anforderungen der Arbeitsplätze zu einem noch höheren Verbleibsrisiko in der Arbeitslosigkeit führen.