Lokale Kultur

Faszinierende Welt des Schattenspiels

KIRCHHEIM Ein völlig gebanntes Publikum wurde vom "Theater der Dämmerung" aus Düsseldorf wahrlich so verzaubert, dass es zeitweilig nicht nur das Atmen

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USCHI NEROLADAKIS

sondern auch das Applaudieren vergaß. Friedrich Raad und Dirk Pattberg erweckten alte Balladen zu neuem Leben und die Zuschauer im Gewölbekeller des club bastion ließen sich bereitwillig in die Welt des Schattentheaters entführen.

Friedrich Raad, der in Stuttgart zum Schauspieler ausgebildet wurde, machte sich 1993 mit dem "Theater der Dämmerung" selbstständig und beeindruckt seitdem ein wachsendes Publikum mit seinen beweglichen Scherenschnittfiguren, die häufig auf wunderschön bemalten Plexiglasscheiben agieren. Für das Kirchheimer Publikum wurde auf speziellen Wunsch der Veranstalter als Querschnitt aus vier Produktionen ein exquisites Programm zusammengestellt.

"Der rote Faden ist einzig und allein die Poesie", erklärte Friedrich Raad und begann den Abend mit dem "Handschuh" von Friedrich Schiller. Ein gähnender Löwe, der schweifwedelnde Tiger und die hereinstürzenden Leoparden, zwischen die der Handschuh der Dame herab fiel, ließen die Geschichte lebendig werden, die Friedrich Raad eindrucksvoll vortrug.

Auch er musste in der 6. Klasse, wie so viele andere auch, die "Geschichte von Herrn Ribbeck auf Ribbeck" von Theodor Fontane auswendig lernen. Doch an diesem Abend erheiterte er das Publikum mit einer sehr lebendigen Darstellung. Ein wunderschönes Scherenschnittbild mit filigranem Laubwerk erschien, zwischen dem die Birnen leuchteten, die Herr von Ribbeck aufsammelte. Kinder hüpften herbei und schmatzten dankbar die Früchte, die sie auch noch nach dem Tode des Wohltäters erhielten.

Friedrich Raad bewies sein Können als Schauspieler, indem er verschiedene Stücke ohne seine Figuren direkt vor den Zuschauern rezitierte wie etwa die atemberaubende "Bürgschaft" von Friedrich Schiller oder auch den "Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe, dem das "Liebhaber-Publikum" andächtig lauschte. Mit dem "Zauberlehrling" schafft es Friedrich Raad nach eigenen Angaben sogar, die Zuschauer bei Schulaufführungen in den Griff zu bekommen, beim Kirchheimer Publikum schien dies allerdings ein Leichtes.

Klänge von Bruckner schufen eine zauberhafte Atmosphäre für "Mahomets Gesang" von Goethe, der Biografie eines Flusses, der auf einer 20 Meter langen Plexiglasrolle aufgemalt war und von Hand weitergedreht langsam an den Zuschauern vorbeizog und über dessen Bildern sich verschiedene Scherenschnitt-Tiere bewegten. Sehr anschaulich wurde die Ballade von den "Füßen im Feuer" von Conrad Ferdinand Meyer gespielt, einer Begebenheit während der Hugenottenverfolgung, die den Zuschauern sicher allen bekannt war und sie dennoch spürbar beeindruckte.

Ausschnitte aus einer nostalgischen Revue auf den Spuren des Schauspielers Hans Albers, der auch als Scherenschnitt eine gute Figur abgab und dessen Stimme das Publikum sichtlich gerne lauschte, bildete den Abschluss des Abends. "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" oder "Good bye, Jonny" mit dem passenden gemalten Hintergrund, auf dem sich die beweglichen Scherenschnitt-Figuren, aber auch Flugzeuge und Schiffe tummelten, sorgten noch für besonderes Vergnügen.

Die Besucher des Kirchheimer club bastion zeigten sich restlos begeistert von dem Gastspiel und versäumten es nicht, nach der Vorstellung auch noch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.