Lokale Kultur

Fenster mit Blick auf das Denkmal

Barbara Beuys gibt in der Buchhandlung Zimmermann Einblicke in das Leben der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl

Kirchheim. Sophie Scholl gehörte zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ im Dritten Reich, protestierte auf Flugblättern gegen Adolf Hitler und

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Michael Kraft

den Krieg, wurde verhaftet, verhört und hingerichtet – das wissen viele. Wenige aber wissen mehr über die 23-Jährige, deren Leben 1943 in München unter dem Fallbeil der Nationalsozialisten endete. Barbara Beuys hat sich daran gemacht, Fenster zu öffnen. Fenster, die den Blick freigeben auf die Erlebnisse und Erfahrungen, die die junge Frau aus dem Hohenlohischen zu einer Ikone des Widerstands haben werden lassen. In der Kirchheimer Buchhandlung Zimmermann stellte die Autorin ihre Biografie über Sophie Scholl vor.

Die Journalistin, Schriftstellerin und Historikerin Barbara Beuys hat sich als Biografin von Hildegard von Bingen, Annette von Droste-Hülshoff und Paula Modersohn-Becker einen Namen erschrieben. Nun richtet sie den Blick auf das kurze und konsequente Leben der Sophia Magdalena Scholl aus Forchtenberg. Auf knapp 500 Seiten macht sie sich auf die Spuren der Sophie Scholl, von der braven Konfirmandin und leidenschaftlichen wie engagierten Führerin im „Bund Deutscher Mädel“ zur ebenso entschiedenen Gegnerin des Krieges, den die Nazi-Diktatur anzettelte.

67 Jahre sind vergangen seit dem Tod Sophie Scholls, seit fünf Jahren aber erst sind alle Dokumente aus dem Nachlass der Familie im Institut für Zeitgeschichte öffentlich zugänglich. Papiere, Briefe und Tagebuch-Aufzeichnungen, die Barbara Beuys ausgewertet hat, um „den Menschen hinter dem Denkmal zum Vorschein zu bringen“, wie sie sagt.

Barbara Beuys ist Historikerin und Journalistin – eine gute Mischung für das Unterfangen, das Leben eines bekannten Menschen so nachzuempfinden, dass es die Zuhörer in seinen Bann zieht. Barbara Beuys beherrscht diese Mischung in dem Werk, das schlicht und einfach den Namen seiner Hauptfigur als Titel trägt: „Sophie Scholl“. Sie erzählt konzentriert und sachlich, aber nicht staubtrocken, sondern anschaulich und bildhaft. Und sie wertet nicht. Das macht ihre Arbeit so sympathisch. Sie weiß um den Einfluss von Bildern auf die Arbeit dessen, der sich mit einem bestimmten Thema beschäftigt. Filme über Sophie Scholls Leben gibt es mehrere. „Ich habe keinen davon vorher gesehen“, berichtet Barbara Beuys. Die Filme haben das Bild über Sophie Scholl geprägt und festgelegt – eine Vorfestlegung, der sie ganz bewusst aus dem Weg gegangen ist.

„Türen und Fenster“ will sie öffnen ins Leben der Sophie Scholl; dieses Bild benutzt Barbara Beuys gleich mehrfach bei ihrer Lesung in Kirchheim. Ein treffendes Bild: Beuys verharrt nicht im Schatten hinter dem Denkmal der mutigen Widerstandskämpferin und begnügt sich nicht damit, die Ikone Sophie Scholl ein weiteres Mal abzustauben. Viel lieber geht sie mit offenen Augen und wachen Sinnen auf Entdeckungsreise durch die Räume und Schauplätze des Lebens ihrer Buchfigur und lässt Sophie Scholl, ihre Geschwister, die Familie und Freunde in Briefen und in Tagebüchern ihre Motive, Empfindungen und Gedanken selbst schildern. So entsteht ein plastisches Bild von der jungen Frau und lässt verstehen und erahnen, wie Sophie Scholls anfängliche Begeisterung für die Ideen des Nationalsozialismus umgeschlagen ist in eine mutige und entschiedene Gegnerschaft.

Nach mehr als zwei Stunden intensiven Lesens und Debattierens verabschiedet sich Barbara Beuys von ihrem Publikum in Kirchheim; der nächste Termin steht an, am folgenden Morgen in Nürtingen: in der Geschwister-Scholl-Realschule, wo sonst?