Lokale Kultur

Festliche Chormusik zum Advent

Kirchheimer und Esslinger Liederkranz konzertierten in der Kirchheimer Martinskirche

Kirchheim. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ – Goethes Satz aus dem Vorspiel zu seinem „Faust“ hätte leitmotivisch für das Konzert des „Kirchheimer Liederkranzes“ in der Martinskirche die-

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ernst kemmner

nen können, bezog es doch aus seinen inhaltlichen Kontrasten und aus der Vielfalt des Gebotenen einen Großteil seines Reizes.

Der Chor unter der kompetenten Leitung von Professor Rolf Hempel, noch verstärkt durch Sangesfreunde des „Esslinger Liederkranzes“, bot an diesem Abend musikalisch Besinnliches mit deutlich adventisch-weihnachtlichem Touch, aber auch diverse, dem jüngeren Publikumsgeschmack geschuldete Ansätze zum „Crossover“.

Bezirkskantor Ralf Sach, der sich sowohl an der Orgel als auch am E-Piano hervortat, gestaltete den Programmauftakt mit dem Einleitungssatz von Georg Friedrich Händels Orgelkonzert F-Dur. Dabei charakterisierten feine dynamische Akzentuierungen, differenzierte Registrierung und technische Brillanz der rechten Hand bei schwierigen, perlend fließenden Sechzehntelläufen sein Spiel. Die „konzertante Eröffnung“ gestaltete der Gemischte Chor im Rücken der Zuhörer von der Empore aus. Dadurch wurde zwar das optische Erlebnis etwas gemindert, doch wirkte sich die Nähe von Chor und begleitender Orgel für den Gesamtklang sicher qualitätsfördernd aus.

Auf das „a cappella“ dargebotene „Gloria sei dir gesungen“ (Johann Sebastian Bach), in dem eine noch etwas tastende Intonation zu vernehmen war, folgte das deutlich tonsicherere „De profundis“ von Christoph Willibald Gluck mit einer angenehmen Mischung von Chorklang und Orgelfundament, das sich stabilisierend auf die Klangreinheit auswirkte. Auf das „Sanctus“ von Wolfgang Amadeus Mozart mit fein platzierten Orgeleinwürfen und imposantem Zusammenklang folgte mit dem „Dona nobis pacem“ aus der Krönungsmesse von Mozart in einem Satz für Chor und Orgel ein kleiner Höhepunkt des Konzertabends. Ein zwischen den einzelnen Chorstimmen und der Orgel fein abgestimmtes Wechselspiel und die saubere Bewältigung des kanonisch verschachtelten Chorsatzes waren ein besonderer Glanzpunkt.

Darauf folgte das erste instrumentale Intermezzo des Celloquartetts „Cellini“, bestehend aus vier blutjungen Cellisten der Freien Musikschule Engelberg (Michael Schmitz, Marian Wind, Valerian Cimniak und Daniel Villwock), die Landes- und Bundespreisträger bei „Jugend musiziert 2008“ waren. In „La poesia“ von ­Saverio Mercadante, „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3 von Johann Sebastian Bach und dem „Traurigen Lied“ von Dimitri Schostakowitsch blitzte ihr bereits erstaunlich entwickeltes tongestaltendes und technisches Vermögen nicht nur einmal auf.

Besonders im „Air“, einem klassischen „Gassenhauer“ par excellence, an diesem Abend im Arrangement für Celloquartett, gefielen der „arco“-Satz von drei Celli mit Michael Schmitz als Melodieführendem, während das vierte Cello (Marian Wind) mit Ausnahme des Schlussakkords durchgehend mit äußerst aparter klanglicher Wirkung im „pizzicato“ begleitete.

Mit dem anschließenden Programmblock von sechs „Weihnachtlichen Liedern“ in „a cappella“-Satz oder in Begleitung mit E-Piano (Ralf Sach) sollten die Hörer musikalisch auf Advent und Weihnachten eingestimmt werden. Dazu erfolgte der Umzug des Chors vor den Altar frontal zum Publikum, was sich auf die Direktheit des Chorklangs günstig auswirkte. Nacheinander erklangen nun „Tochter Zion“ von Georg Friedrich Händel mit einstrophigem kräftigen Tenorsolo von Karl Bierbaum, „Herbei, o ihr Gläubigen“, im Satz von Rolf Hempel, mit sich geschmeidig ergänzenden Chorteilen, „Ave Glöcklein“, einem klangprächtigen Glanzlicht, wobei die Sopranistin Ute Ursula Hitzler stimmlich unangestrengt und mit reinen Spitzentönen in höchster Lage glänzen konnte. Das von Cornelius Freundt originell gesetzte „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“ für „a cappella“-Chor schloss sich an, bevor der oben angedeutete Registerwechsel weg vom klassisch-traditionellen weihnachtlichen Liedgut erfolgte.

Mit dem von Norman Luboff arrangierten „Amen“ wehte plötzlich ein Hauch von veritablem „gospel feeling“ durch den sakralen Raum der Martinskirche. Schon bei der eigenwilligen, jazzig swingenden Introduktion von Ralf Sach war man als Zuhörer geneigt, fast körperlich mit der Musik mitzugehen. Dieses Gefühl wurde noch durch das dem Sujet angemessene „kehlige“ Baritonsolo von Wolfgang Dürr verstärkt – zum Mitklatschen, wie in den Baptistengemeinden im amerikanischen Süden üblich, kam es dann allerdings doch nicht.

Der Programmteil wurde wiederum vom Chor allein mit „Inmitten der Nacht“ (Satz: Hermann Müllich) beschlossen, einer echten harmonischen und rhythmischen Herausforderung, die vom jetzt perfekt „eingesungenen“ Chor glänzend gemeistert und mit entsprechendem Beifall bedacht wurde.

Im Anschluss kam das Cellini-Quartett mit drei kurzen Stücken zu seinem zweiten Auftritt. Zunächst erklang das verträumt impressionistische „Lied der Vögel“ des legendären spanischen Cellisten Pablo Casals in sonorer Fülle, wobei sich vor allem Michael Schmitz und Marian Wind mit ätherischen Flageolets und flirrenden hohen Tremoli in Nachahmung von Vogelgezwitscher und Vogelflug hervortaten. Im Kontrast dazu stand der frühbarock anmutende Tonsatz der „Canzone“ des weithin unbekannten Renaissancekomponisten und Sängers Heinrich Isaac, bevor das Quartett quasi als instrumentale Antwort auf das chorische „Amen“ des vorausgegangen Programmteils ihr „Rock’n‘Roll is King“ von Jeff Linn mitreißend „ablieferten“. Das pulsierende, echt rockige Begleitwerk begeisterte hier ebenso wie die durch Marian Wind in fetzigen Synkopen gespielte Melodiestimme: rauschender Beifall.

Im festlichen, interaktiv mit dem Publikum gestalteten Abschluss des Konzertes („O du fröhliche“) wurde dem Appell von Rolf Hempel an die Zuhörerschaft, sich zu beteiligen, gern und vielstimmig Folge geleistet, bevor mit „Tollite hostias“ von Camille Saint-Saëns ein festlich strahlendes, polyphones Gotteslob den glanzvollen und viel beklatschten Schlusspunkt setzte. Mit dem Orgelnachspiel von Ralf Sach – dem vierten Satz aus dem Orgelkonzert von Georg Friedrich Händel, einem virtuosen Allegro – endete das Konzert.