Lokale Wirtschaft

Fingerspitzengefühl ersetzt die Abrissbirne

Die „handverlesenen“ Wertstoffe finden bald wieder eine neue Aufgabe als vielseitig verwendbares Verfüllungsmaterial

Kirchheim. „Siggi“ sitzt hinter Gittern und hat einen klaren Auftrag: Das ehemalige Seniorenrefugium Henriettenstift muss weg. Ohne Ketten läuft dabei gar nichts. Sie garantieren schließlich die Standfestigkeit seines Arbeitstiers „CAT 330 DL“, ohne dessen langen und geradezu uneingeschränkt bewegbaren „Elefantenrüssel“ die gefährliche Mission

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gar nicht möglich wäre. Nachdem sich die Vorarbeiten lange Zeit zunächst nur im Innern des Gebäudes und daher eher im Verborgenen abgespielt haben, ist der Abbruch längst ans Licht der Öffentlichkeit gerückt – und wird derzeit jeden Tag aufs Neue von vielen Passanten interessiert verfolgt.

Tausende von Autos fahren schließlich an dem einst imposanten straßenbegleitenden Langbau vorüber, der ausgerechnet an seinen letzten durchgehenden „Tagen der offenen Türen und Fenster“ erstaunlich viel von seinen bislang verborgenen innersten Werten preisgibt. Von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt hat sich im Innern des in aller Stille entkernten Baukörpers nämlich eine jugendliche Graffiti-Gruppe für kurze Zeit „verewigt“.

Ist „Kunst am Bau“ sonst eher ein dankbares Diskussions-Thema für die passende Ausgestaltung aufblühender Neubauten, gab der weitsichtige Bauträger bereitwillig grünes Licht auf die überraschende Anfrage, ob die demnächst einstürzenden Wände des leer stehenden Altbaus nicht noch auf Zeit Sprayern zur Verfügung gestellt werden könnten. Mit seiner Unterstützung konnten die kreativen Freizeitkünstler ihrem Hobby völlig legal nachgehen und damit ihrer wilden Kunst einen äußerst seriösen, aber auch sehr vergänglichen Rahmen geben.

Je weniger am Ende des Tages von dem einst ehrwürdig seriösen Gebäude übrig bleibt, desto mehr neue „Styles“ werden preisgegeben. Die unterschiedlichen „Graffitis“ erlangten damit vor ihrem Untergang noch eine letzte und originell inszenierte Wahrnehmung und vielleicht sogar Wertschätzung. Bevor die ausdrücklich willkommen geheißenen „Hausbesetzer“ dem anrückenden Bagger des Abbruchunternehmens wichen, bedankten sich die Graffity-Artists artig beim künftigen Investor, der nach den gemachten guten Erfahrungen wohl auch künftig auf solche konfliktvermeidende Kunst-Kooperationen setzen kann.

Trennte man sich früher von nicht mehr gebrauchten Gebäuden gerne dadurch, dass man sie an für die Statik entscheidenden Punkten mit Dynamit anfütterte und einfach in die Luft sprengte, entschied man sich bei der in die Jahre gekommenen ehemaligen Senioren-Residenz für einen sanfteren Abschied – der dafür etwas zu verkehrsgünstigen Lage und vor allem auch der Nachbarn wegen.

Alles auf einen Haufen zu schmeißen und anschließend zu entsorgen, hat zwar eine lange Tradition, doch wird dank stetig wachsendem Umwelt- und vor allem auch Kostenbewusstsein heute immer intensiver daran gearbeitet, möglichst viele Wertstoffe wieder zu verwenden und ihnen auch im Alter noch eine sinnvolle Aufgabe zukommen zu lassen. Vieles, was von der Abbruchhalde abtransportiert wird, tritt vielleicht schon bald eine neue Aufgabe als Verfüllungsmaterial an und wird vielleicht Teil einer Garageneinfahrt oder eines Erschließungsweges. Im Bereich mineralischer Bauschutt könnte das leicht eine Gesamtmenge von 4 000 bis 5 000 Tonnen werden, schätzt der Geschäftsführer des seit Juli 2001 zertifizierten Entsorgungsfachbetriebs, Walter Feess. Das im Rahmen des Abbruchauftrags anfallende Material wird nicht über weite Strecken gefahren und entsorgt, sondern auf seinem Recyclinghof zwischengelagert und wiederverwendet.

Um dem Abbruchgut eine solche umwelt- und kostenrelevante „zweite Chance“ zu ermöglichen, ist ein selektiver Rückbau unerlässlich und so wurde das Gebäude zunächst bis auf die lange unverändert gebliebene Außenfassade entkernt. Die vielen Container auf dem Areal zeigen, dass hier nicht reine Sammler und Entsorger, sondern vor allem Sortierer und Wiederverwender das Sagen haben.

Während der bei den Abbrucharbeiten überwiegend verwendete sogenannte „Brecher“ lediglich zwischen Metall und Nichtmetall unterscheidet und dann auch entsprechend robust zur Sache geht, müssen „Siggi“ und seine Helfer im Blick auf die Wiederverwendung der Wertstoffe deutlich differenzierter zu Werke gehen.

Genügte einst selbst unsensibelste Grobmotorik, um eine Abrissbirne in einen Giebel zu donnern und im Sichtschutz der stehenden Staubwolke dann gleich alles wegzuräumen, ist heutzutage neben fundierter Materialkenntnis auch allergrößtes Fingerspitzengefühl erforderlich. Wie viele interessierte Beobachter der heißen Phase des kalten Abbruchs feststellen konnten, wurde beispielsweise die gesamte Außenfassade mit dem Greifer des Baggers sorgfältig „abgeschält“, um die gemeinsam wiederverwertbaren Mauerstein-, Fugen- und Betonmassen klar von dem das Haus umgebenden Vollwärmeschutz zu trennen.

Eine besondere Herausforderung stellte dabei der vom abgesperrten Baustellenbereich aus nicht direkt mit dem Bagger anfahrbare Giebel gen Osten dar. Während der Bagger parallel zur Straße parkte, musste sich der sonst immer sehr autonom arbeitende „Siggi“ beim mechanischen Ertasten und Abstreifen der letzten Styroporreste auf die Kommandos seines langjährigen Kollegen Roman verlassen. Per Funk und mit begleitenden Handbewegungen zusätzlich angeleitet, mussten die vom Führerhaus aus nicht einseh-, aber mit dem Baggergreifer erreichbaren Styroporreste im toten Winkel direkt hinter der Hauskante geborgen werden.

Styropor hat schließlich genauso schlechte Karten, wenn es darum geht, der Wiederverwertung zugeführt zu werden, wie beispielsweise Holzbalken oder gar Eternitplatten. Streng unterschieden wird auch zwischen reinem Beton oder Beton mit Bitumen- oder gar Teerbeschichtung.

Dass Recycling keine reine Vertrauenssache ist und natürlich auch nicht sein kann und darf, machen die ständigen strengen Qualitätskontrollen deutlich, denen das Recycling-Gut immer wieder konsequent und kompromisslos unterzogen werden muss. Unerlaubte Substanzen sollten schließlich im Körper von Radrenn-Profis genauso tabu oder aber leicht nachweisbar sein, wie in von gestrengen Kontrolleuren aus dem Recycling-Gut gezogenen Proben.

Dass Abbrucharbeiten trotz aller technischen Perfektion immer ein Restrisiko in sich bergen, versteht sich von selbst und der das Führerhaus schützende stabile Gitterkorb existiert durchaus nicht ohne Grund. Wer immer nach Höherem streben muss, ist gut beraten, darauf zu achten, nie die Bodenhaftung zu verlieren, denn das Fahrgestell ist zwar hydraulisch ausfahrbar, bleibt aber der Schwachpunkt des ungemein vielseitig und kreativ einsetzbaren neuen Baggers, der auf der Baustelle Henriettenstift seine bislang sehr gelungene Premiere feiert.

Ganz wichtig ist für „Siggi“ aber auch, stets auf das richtige Gewicht zu achten, denn sich mit dem leistungsstarken Bagger durch zu viel Gewicht „zu verheben“ kann fatale Folgen haben. Er ist aber daran gewöhnt, über Kopf zu arbeiten und mit ausgestrecktem Baggerarm die Früchte von oben zu ernten. Der Pilotensessel in seinem High-Tech-Bagger lässt sich dazu in der Neigung verstellen und bei Problemen kann „Siggi“ wie ein Formel-1-Pilot computergesteuerte Hilfe abrufen. Bis zum ersten Kundendienst kann er aber beruhigt noch zwei Gebäude in der Größenordnung des Henriettenstifts auseinandernehmen. Der ist bei dem sanften Boliden schließlich erst nach 250 Dienststunden fällig. . .