Lokale Wirtschaft

Flexibilität ist gefragt

Über die Zukunft der Arbeit und die Arbeit der Zukunft sprach Prof. Hans-Jörg Bullinger, Präsident des Fraunhofer-Instituts, bei einem Vortrags- und Diskussionsforum im Nürtinger Autohaus Russ. Veranstalter waren die IHK Region Stuttgart und die Wirtschaftsgilde Nürtingen.

MARCO LAUER

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NÜRTINGEN Das Interesse war groß. 200 Menschen saßen vor dem Podium, von dem der renommierte Gastredner Hans-Jörg Bullinger sprach. Den Ausblick auf die Zukunft der Arbeit begann Bullinger mit einer Rückschau. Was prägte die Arbeit in den letzten zweihundert Jahren? Eines war deutlich zu erkennen: "Die Gesellschaft wurde immer nach der größten, abhängig beschäftigten Gruppe benannt", sagte der Professor aus Stuttgart. "Erst waren wir eine frühe, dann eine späte Industriegesellschaft, danach eine Dienstleistungsgesellschaft und nun werden wir langsam eine Wissensgesellschaft." Es kam und ging die Dampfmaschine, es kam und blieb das Auto und in den letzten zehn Jahren drangen verstärkt die Bereiche Automatisierung und mobile Kommunikation in die Arbeitswelt.

Was bedeuten nun diese Veränderungen und Verwerfungen bei der Art zu arbeiten? Laut Bullinger hat sich der Anteil derer, die wirklich "schaffet" wie er es ausdrückte in den letzten drei Jahrzehnten von 44 auf 22 Prozent halbiert. Das heißt, statt 20 sind heute noch elf Millionen Menschen in der Produktion tätig. Viele konnten zwar aufgefangen werden in den neuen Bürojobs. Trotzdem hat sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitslosen auf fünf Millionen verfünffacht .

Die Schlüsselfrage wird nach Bullinger sein, wie sich die deutsche Wirtschaft für die nächsten Jahre rüstet, um dem weiteren, absehbaren "Arbeitsverlust" in der Produktion zu begegnen. "Denn der wird anhalten", glaubt er. Die Globalisierung verlange nach Kostenoptimierung. Das heißt, es müsse weiter automatisiert werden. Dadurch kämen vorne zwar Effizienzgewinne, also Wettbewerbsvorteile raus, gleichzeitig aber fielen hinten die Jobs von der Werkbank. Dies sei kein guter Saldo für die Beschäftigung. Bullinger drückte es so aus: "Wollte man das Beschäftigungsproblem allein mit der Produktion lösen, müsste man ein schon fast astronomisches Wachstum erreichen." Dazu sei Deutschland nicht mehr in der Lage.

An Nostalgiker und Veränderungsunwillige richtete er die Botschaft: "Es wird nie mehr wie früher. Da können wir noch so schnell schaffen und noch so früh aufstehen." Es gelte, nach vorne zu schauen, in Zukunftsmärkte zu investieren und die Hausaufgaben zu erledigen. Dazu gebe es zwei verschiedene Adressaten: Die Unternehmen und die Angestellten. Letztere müssten sich der Einsicht beugen, dass die Arbeit nicht mehr an den Fabriktoren aufhört oder an den Bürotüren. Da die Halbwertszeit des Wissens immer stärker sinke, sei lebenslanges Lernen nicht mehr nur Kür, sondern Pflicht. "Lernen im Beruf bringt nicht mehr automatisch eine Beförderung, sondern hilft nur noch, seinen Job zu behalten."

Unternehmen sollten ihre Strategie stärker darauf ausrichten, ihr Angebot zu vernetzen. "Service Engineering, verbundene Dienstleistungen", nennt das Bullinger. Dem Kunden müsse ein ganzes Bündel von Leistungen angeboten werden. Zentral aber, für Unternehmen wie Angestellte, ist ein Wort, dass er bei der anschließenden Diskussionsrunde wie ein Mantra aussprach: Flexibilität.

"Vierzig Jahre bei Daimler arbeiten, jeden Tag eine vorgegebene Arbeit verrichten. Das ist vorbei in Kürze." In der Arbeitswelt von morgen werde man vor allem lösungsbezogen in Projekten arbeiten, und zwar ohne Stempelkarte. "Wenn jemand einstempelt, heißt das nicht automatisch, dass er etwas sinnvolles leistet," sagt er. In der Arbeitswelt von morgen werde man auch nicht an einem Ort arbeiten, weder immer in derselben Stadt noch am gleichen Schreibtisch. Arbeiten in Zukunft werde weniger monoton als ein Fließbandjob, aber auch ungemütlicher.