Lokale Kultur

Flockig, flirrend und frivol

KIRCHHEIM Mit "Concerto" eröffnet die Kirchheimer Stadtkapelle in diesem Jahr eine neue Konzertreihe, in der "umfangreiche und hochklassige Werke der sinfonischen

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PATRICK TRÖSTER

Blasmusik" präsentiert werden, so ist im Programmheft zu lesen. Sie ersetzt das traditionelle Frühjahrskonzert und wird nur von der Stadtkapelle bestritten. Auf dem Programm waren die dritte, "tragisch" genannte Sinfonie von James Barnes und "Casanova" von Johan de Meij.

Der 1949 in Oklahoma in den USA geborene James Barnes, hierzulande den meisten ein Unbekannter, zählt zu den "großen" Dirigenten und Komponisten der Blasmusik. Stadtmusikdirektor Harry Donald Bath fühlt den Puls der Zeit und setzt in seiner Programmauswahl auf Zeitgenössisches. Mit der 1994 fertig gestellten dritten Sinfonie von Barnes präsentiert er seinem Kirchheimer Publikum feinste Auslese amerikanischer Blasmusik: einerseits ist sie sehr subjektiv komponiert und bezieht sich auf den frühen Tod seiner Tochter Natalie; andererseits ist sie äußerst konservativ und abseits avantgardistischer Moden, was sich auch in der "klassischen" viersätzigen Abfolge zeigt.

Diese Sinfonie spielt auf der ganzen Klaviatur blasmusikalischer Raffinessen und bedarf in der Besetzung neben den üblichen Holz- und Blechblasinstrumenten mit Perkussion eine Reihe von besonderen Stabspielen, Harfe, Keyboard und Kontrabass. Heikle Soli stehen neben Klangtürmen, zackige Begleitfiguren über tief triefende Bassbögen, erstarrte Akkorde zwischen aufgeregtem Zierwerk. Das Verbindende dieser Musik ist das latente Programm, sind die in Töne, Melodien und Akkorde gegossenen Gefühle, die auf Anhieb verstanden werden, orientiert sich diese Sinfonie doch stark an Filmmusik. So läuft während der Aufführung beim Zuhörer auch ein konstanter Film ab, da wir an audioakustischen Leinwänden geschult sind.

Den ersten Satz eröffnen Pauke und Tuba mit einer düsteren Szene als sinfonischem Kern. Es entwickelt sich eine Zwiesprache des gesamten Ensembles mit solistischen Vertretern, in dem so würde der Psychologe es ausdrücken die eigentliche Trauerarbeit stattfindet. Erfahren koordiniert der Stadtmusikdirektor die weit entfernt sitzenden Solisten und beschreibt mit leisen Gesten den musikalischen Bogen. Das heikle Zusammenspiel im Kleinen meistert die Stadtkapelle auch im Großen, wenn sich rhythmisch überlagernde Gefühlswallungen durch die Instrumentalgruppen ziehen und in sich aufbäumenden flirrenden Akkordtürmen überlappen. Der zweite Satz ist ein pikantes Scherzo, das von zwei hervorragend spitzzüngigen Fagotten angeführt wird, die im Zusammenspiel mit der Bassklarinette scheinheilige Selbstgefälligkeit aufs Korn nehmen. Im Wechsel mit der virtuos operierenden Stabspiel- und Schlagwerktruppe vollführen die Bläser des Orchesters einen zickigen Totentanz mit einem im Hals stechenden Lachen.

Der dritte Satz ist ein ausschweifendes Trauerlied mit weichen Melodiebögen, flauschigen Bläserakkorden und satten Harmonien, die mit salzigen Sekundreibungen im Holz und bardischen Harfenarpeggien verdichtet werden. Harry Bath und seine Mitstreiter kosten den ganzen Schmelz der weiten Melodieprärie aus und rühren gar trefflich im Gefühlstopf. Mit der Ankündigung der Geburt des Sohnes im vierten Satz keimt wieder Hoffnung auf. Das Finale ist raffiniert komponiert und mit tschaikowskiesker Klangsahne garniert. Ein prägnantes Thema strotzt vor Lebenslust und verlangt dem Ensemble sein ganzes Können, Klangpracht und Konzentration ab. Mit Hingabe spielt es die musikalischen Trümpfe aus und erzielt im Publikum neben großem Staunen auch tiefe Bewunderung.

Der zweite Concerto-Teil war dem Konzert "Casanova" für Cello und Blasorchester von Johan de Meij gewidmet. Dieser 1953 geborene niederländische Komponist ist mehrfach preisgekrönt und für seine bildhaften Programm-Musiken berühmt. Er zählt zu den Top-Komponisten seines Genres, von dem schon manches Werk in Kirchheim von der Stadtkapelle aufgeführt wurde. Mit Hartmut Premendra Mayer als Solisten in der Rolle Casanovas gelang Harry Bath in der Auswahl eine lokale Starbesetzung. Das Werk ist in acht Episoden, die ineinander übergehen, aus dem Leben des berühmten, ebenso gebildeten wie unschlagbaren Glücks- und Damenritters gegliedert. Mit viel Feingefühl gelang es Harry Bath die aparte Klangbalance zwischen Cellisten und Orchester herzustellen. Den drohenden "Messer Grande"-Akkorden des Orchesters entgegenstellend entwickelt Hartmut Mayer in einem großen Bogen das raumgreifende Passionsthema aus einem Akkordmotiv. Emphatisch verschwindet es in berauschendem Bläserklang, dem sich eine leidenschaftliche Kadenz mit schwebender Melodik anschließt, in das sich philglasig-minimalistische Akkordbrechungen wechselhaft einfügen. Gar zu neckisch stellt sich im dritten Bild das Hofleben dar, in dem der Cellist flockig, flirrend und frivol ganz den Vorurteilen Casanovas entspricht, bis er in brausenden Orchesterakkorden untergeht. Eine anschließende großartige Kantilene ist das retardierende Moment: Casanova ergießt sich in Selbstmitleid, herzlich rührend vom Cellisten etwas augenzwinkernd ausgeführt. Doch dann geht alles schnell: Dank der zupackenden Percussionisten gelingt dem virtuosen Cellisten mit rasanten Passagen die Flucht zu den geliebten Nonnen ins benachbarte Kloster, was einen kleinen Triumphmarsch als Finale auslöst.

Stadtkapelle und der Cellist hatten Großartiges geleistet, minutenlanger Beifall krönte das Gehörte. Beide bedankten sich auf ihre Weise: Hartmut Mayer mit einer Eigenkomposition für Cello solo und die Stadtkapelle mit einer leicht ironisierenden Bearbeitung eines Philip-Sousa-Marsches. Mit diesem Konzert wurde die neue Reihe Concerto nicht nur voluminös eröffnet, sondern sie setzte auch Maßstäbe.