Lokale Kultur

Frivole Fröhlichkeiten am Rande des drohenden Zotenlochs

„Schwäbische Erotik“ mit der Schauspielerin Christiane Maschajechi und der Musikerin Bettina Gerullis in der ausverkauften Naberner Zehntscheuer

Kirchheim. Dass Sex und Erotik verlässliche Partner sind, wenn es da­rum geht, etwas an den Mann oder die Frau zu bringen, bestätigen Christiane Maschajechi und Bettina Gerullis. Ihr vielversprechender Abend zum Thema „Schwäbische Erotik“ in der Naberner Zehnt

WOLF-DIETER TRUPPAT

scheuer war jedenfalls rasch ausverkauft. Sie bleiben daher absolut überzeugt, dass auch im Land der Pietisten selbst Zahncreme sich einfach viel leichter verkaufen lässt, wenn beim entsprechenden Werbespot jemand zufällig „nackich“ durchs Bild läuft.

Zu welch wahren Orgien der Raserei der in Sachen Lust immer ein wenig unterschätzte Schwabe ist, zeigten die selbst ernannten Erotik-Expertinnen gleich in der nicht enden wollenden ersten Nummer ihres Programms. Stocksteif auf dem Sofa sitzend und völlig vergessend, dass sie nicht alleine sind, ließen sie lustvoll und in hemmungsloser Gier in ihre tiefen Rachen zwei dicke Stücke Schwarzwälder Kirschtorte verschwinden – und boten damit unverfänglichen Anschauungsunterricht zu einem heiklen Thema.

Gelebte knisternde Hocherotik ist eher untypisch für den Schwaben, dem für die Fortpflanzung eigentlich schon „die eheliche Pflicht“ genüge, betonten die beiden Kabarettistinnen. Im Blick auf die gerade noch mit erkennbaren Lustgefühlen durchlebte Tortenorgie stellten sie – nicht allzu überzeugend – fest, dass es Schwarzbrot „ja au tät. . .

Dass am Ende des mit „lustvoll-erotischen Verführungen“ gestarteten Abends auch den Besuchern noch sinnliche Genüsse gereicht werden, war eine vielen willkommene Überraschung. Die über das völlig ausverkaufte Haus erfreuten Veranstalter hatten es verständlicherweise vermieden, schon im Vorfeld mit „Schwäbische Erotik mit anschließendem Ständerling“ zu werben.

Während Bettina Gerullis schon in ihrer engen Hüfthose über die Bühne stöckelte, schälte sich Christiane Maschajechi erst noch ächzend – aber – keinesfalls allzu lasziv – aus ihrem erdfarbenen Kostüm. Auch wenn sie dabei sogar noch die Hilfe ihrer Kollegin brauchte, blieb sie aber überzeugt: ohne die Torte wäre es auch so gegangen. Vielleicht ist ja Schwarzbrot doch alltagstauglicher.

Voll eindrucksvoller Fähigkeit zu entwaffnender Selbstironie zupften die beiden immer wieder an ihren engen Hüfthosen herum, die nun einmal für die Problemzone zwischen mutwillig tiefergelegter Gürtellinie und zusätzlich um Aufmerksamkeit werbendem Bauchnabel-Piercing nicht immer optimale Ergebnisse zulassen. Auf dem offenen Männermarkt mit ihnen konkurrierende „16-jährige MTV-Schlampen“ haben dagegen offensichtlich keine Ahnung, wie grausam es sein kann, konsequent verjüngt auf „Ü30“-Parties auf Jagd gehen zu müssen, weil „der Name zwar noch da, der dazugehörige Mann aber inzwischen wieder weg ist“.

Was Frauen in den besten Jahren zunehmend bewegt, wurde aberwitzig aufgezeigt. Schöne blaue Augen nützen nichts, weil „der Mann“ ohnehin immer wo ganz anders hinschaut. Die grandiose Erfolge versprechenden „Push-ups“ der Miederbranche können – wie im gnadenlosen Selbstversuch demons­triert – schließlich nur kurzfristig die Schwerkraft überwinden, was in sofortigen „Fall-downs“ die von Jahr zu Jahr zunehmende Macht der Natur zeigt. Ein ganz besonderes Ärgernis ist auch, dass die verräterischen Altersfalten nun einmal immer im Gesicht seien – und das, „wo doch am Fiedle viel mehr Platz isch . . .

Da 90 Prozent vermeintlicher natürlicher Schönheit ohnehin im Reich der Fantasie anzusiedeln sind, könne man sich die verbleibenden zehn Prozent leicht mit schwäbischem Wein vergnügt zurechttrinken, denn bekanntlich mache „sauer ja lustig“.

Da der Schwabe ohnehin nicht viel redet und vor allem die Verständlichkeit seiner wenigen romantischen Liebesschwüre daher zwingend erhöht werden muss, verteilten die beiden hyperaktiven Männerjägerinnen Korken im Publikum. In der Gruppe wurde dann geübt, trotz Handicap ein relativ lautreines Geburtstagsständchen zu singen, ohne das „Abtropfenlassen“ des Korkens zu vergessen.

Christiane Maschajechi und Bettina Gerullis konnten nachhaltig belegen, dass sie überhaupt keine Skrupel haben, sich selbst gnadenlos durch den Kakao zu ziehen. Ob sie nun im Rentnerlook und mit Perücken aufgehübscht auf dem Sofa sitzen oder hüftschwingend und dekorativ aufgezottelt „Auf d‘r Schwäb‘scha Eisebahna“ in einen fetzigen Rocksong verwandelten, ihr Publikum hatten sie von Anfang an voll im Griff. Dabei erlagen sie auch nie wirklich der Gefahr, durch möglicherweise zu tiefes Eintauchen ins Zotenbad Quote machen zu wollen.

Auch wenn sie in einem Song kräftig damit kokettierten, nicht singen, kochen oder lesen zu können, gaben sie mit einem finalen „Smoke on the water“ musikalisch und stimmlich noch einmal alles. Freimütig gestanden sie einem imaginären Lebensabschnittspartner auch noch ein: „I han zwar nix kocht, aber guck amol, wie i dalieg . . .“