Lokale Kultur

"Frohlocke, Welt, dem Tod entwunden . . ."

KIRCHHEIM Einem erwartungsvollen, zahlreich im sakralen Raum der Martinskirche erschienenen Publikum wurde am Abend des dritten Advent mit den seltener zu hörenden kirchenmusikalischen Kompositionen, der Choralkantate "Vom

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ERNST KEMMNER

Himmel hoch", von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 1847) und der Weihnachtskantate "Der Stern von Bethlehem" von Joseph Gabriel Rheinberger (1839 1901) ein attraktives Programm abseits ausgetretener Pfade geboten.

Als Intermezzo zwischen den Kantaten erklangen zwei Romanzen für Oboe und Orgel (opus 94) von Robert Schumann (1810 1856) mit Elke Karner-Funk und Bezirkskantor Ralf Sach. Die sechsgliedrige Choralkantate mit Anklängen an ein "Kurzoratorium" von Mendelssohn atmet ganz den Geist des bekannten Lutherlieds und spinnt dessen Inspiration in mannigfachen musikalischen Einfällen weiter.

Nach einleitender Sinfonia durch das Kammerorchester ertönte als klangmächtiger Auftakt der Eingangschor "Vom Himmel hoch", ein komplexes kompositorisches Gebilde, in dem die zentrale Botschaft "Euch ist ein Kindlein heut geborn", zunächst durch alle Chorstimmen wandert, um schließlich, begleitet von einem furiosen Orchestertutti, von allen Stimmen gleichzeitig "verkündet" zu werden.

In ihren jeweiligen Arien "Es ist der Herr Christ, unser Gott" und "Sei willkommen, du edler Gast" zeigten Kai Preußker (Bariton) und Sabine Zimmermann (Sopran) mit sensiblem Vortrag ihr hoch entwickeltes stimmliches Vermögen. Kai Preußker gefiel mit seinem kräftig volltönenden Bariton mit strahlenden, unforcierten Haltetönen auch in hoher Lage ebenso wie mit absolut sauberer Artikulation, während Sabine Zimmermann mit einschmeichelnd weicher Tongebung und reinen Spitzentönen beeindruckte.

Nach kurzem Bariton-Arioso mit ausdifferenzierter Dynamik im begleitenden Orchester ging es mit einem gewaltigen Crescendo hin zum Schlusschor "Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron", der zum klanglichen Höhepunkt mit wirbelnden Pauken und schmetterndem Trompetenklang geriet. Ralf Sach (Orgel) und Elke Karner-Funk (Oboe) gestalteten dann, quasi als Interludium zwischen den Kantaten, mit zwei Romanzen von Robert Schumann den nächsten Programmpunkt von der Empore der Martinskirche aus.

Eigentlich für Oboe und Klavier, alternativ für Violine statt Oboe, komponiert, bergen diese Kompositionen weit verzweigte Melodiebögen mit eher melancholischer Grundstimmung. In der exquisiten Akustik der Martinskirche mischten sich hierbei Orgel- und Oboenklang hervorragend und vor allem in der gewichtigeren zweiten Romanze kam das schmachtend wehmütige Timbre der Oboenkantilenen prächtig zur Geltung.

"Der Stern von Bethlehem", Rheinbergers sakrales Vokalwerk in neun Teilen von 1891, mit einem Text seiner Frau Franziska von Hoffnaaß, bildete im Anschluss den unbestreitbaren Höhepunkt des Kantatenabends. Der Eingangschor "Die Erde schweigt" beschwört mit strahlendem Chorklang die Erwartung der Weihnacht und des Erlösung bringenden Heilands, und die "lichttröstende Kunde" wird dabei in brausendem Fortissimo überbracht.

Im sich anschließenden, feinfühlig und in sanftem Wiegerhythmus vorgetragenen Hirtendialog zwischen Solosopran und Chor mit anrührend konzertierenden Flöten und anderen Blasinstrumenten und rhythmisch heiklem Paukenpart schaffte es Ralf Sach hervorragend, Chor, Orchester und Solistin zusammenzuhalten. Bei der folgenden Verkündung des Engels gelang Sabine Zimmermann mit feiner stimmlicher Leistung ein wirklich "engelsgleicher" Vortrag, insbesondere beim makellos intonierten "Christus der Herr" und auch der Chor schmetterte den Schluss dieses Stücks fast fanfarenartig heraus.

Nach dem gut gelungenen Bass-Solo "Bethlehem" mit seinen anspruchsvollen Streicher-Arpeggien als musikalischem Rankenwerk erklang in hymnischer Inbrunst mit sauberem Ineinandergreifen der einzelnen Chorteile das Chorstück "Hirten an der Krippe", in dem fromme Anbetung und Verehrung des Christuskinds durch die Hirten zum Ausdruck kommt.

Als dramatischer Höhepunkt dieser Kantate mag der sechste Satz "Zerstreuet euch, stürmende Wolken"gelten. Tremolierende Streicher deuten das stürmische Wetter und den Sandsturm an, den die durch die Wüste ziehenden Weisen überwinden müssen: im "trabenden" Metrum des Orchesters lässt sich dabei sogar den Marsch der Kamele erahnen.

Eine wirkungsvoll mit Trompeten und Pauken zum Ausdruck gebrachte Dramatik stellt sich ein, als die Weisen den "Leitstern" über Bethlehem zunächst verlieren, dann aber wieder finden. Die vielleicht schwierigste Aufgabe hatte der Männerchor im Stück "O König du im armen Stall" zu bewältigen. Dieses beinhaltet eine Fülle heikler, sich teils reibender Harmonien und rhythmischer Kniffligkeiten. Dass hier bei Intonation und Feinabstimmung zwischen Chor und Orchester nicht alles gelang, war nachzuvollziehen und verzeihlich.

Ein Glanzlicht an kontemplativer Innigkeit und leuchtender Harmonie war dann wieder das betörend schön intonierte folgende Sopransolo der Maria in der gelöst entrückten Stimmung der in Dur verklingenden Schlusszeile "Schlumm're süß, du göttliches Kind".

Im letzten Teil "Die Erde schweigt" wird sowohl auf der Textebene als auch in der musikalischen Ausformung das Thema des Eingangssatzes wieder aufgegriffen, womit sich der Kreis schließt. Das vom Chor hier abschließend gebotene energie- und tempogeladene Finale mit einem hellwach präsentierten, gewaltigen Fugato und einem fulminant heraus geschmetterten "Frohlocke, Welt" war bewundernswert.

Lang anhaltender Applaus belohnte schließlich die imponierende Gesamtleistung von Solisten, Chor, Orchester und Dirigent.