Lokale Kultur

Fundamentalismuskritik als Kasperltheater

Pointenreich inszenierter theologischer Tiefgang beim Theater „Wilde Mischung“ im Kirchheimer Spitalkeller

Kirchheim. Zum „Frauenmärz“ gehört das Theater „Wilde Mischung“ aus Berlin einfach dazu. Bereits zum zweiten Mal gastierte das Erfolgsduo im Spitalkeller der Volkshochschule.

Brigitte Gerstenberger

Zielgenau steuerte Lilly Walden, die einst in Stuttgart am König-Olga-Stift das Abitur machte und in Tübingen Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte studierte und seit 1984 gemeinsam mit Brigitta Altermann das Kabarett-Theater „Wilde Mischung“ zündet, auf die Lachmuskeln des Publikums. „Oh mein Gott“ heißt das Showprogramm, bei dem Walden als altjungferliche Sekretärin Fräulein Mosimann singend, puppenspielend, trompetend und am Artistenxylofon die Grundfeste der großen Weltreligionen erschüttert. Eine gepfefferte Fundamentalismuskritik und ein blitzgescheiter Exkurs durch die Religionsgeschichte.

Seit 15 Jahren ist Greta Mosimann beim Schweizer Professor Hurzli­purzli Sekretärin. Als dieser nicht zum Vortrag „Fundamentalismuskritik heute“ erscheint, zu dem hochrangige Vertreter der verschiedenen Weltreligionen geladen sind, übernimmt die treue Sekretärin kurzerhand das Zepter. Dabei hält sie mit furiosen Einfällen, hinreißend und hirnreizend, das Publikum bei Laune. Als Assistentin des ausbleibenden Professors bedient sich Walden bestens des schweizerdeutschen Dialekts, während sie den Kasper schwäbeln lässt und die heiligen Exzellenzen in ihren jeweiligen Idiomen karikiert.

Als geistreiche Alleinunterhalterin verblüfft Walden damit, dass sie sich für das Stück „Oh mein Gott“ mit der Figur des Kaspers zusammengetan hat. Dieser berühmte deutsche­ ­Anarchist, der ursprünglich eine Figur für Erwachsene war und als aufmüpfiger, humorvoller Vertreter des einfachen Volkes agierte, kennt keine falsche Ehrfurcht. Schon gar nicht gegenüber der Obrigkeit und den heiligen Exzellenzen, „die in Glaubensfragen nur einlullen und den Menschen ein X für ein U vormachen wollen“. Bei der „Wilden Mischung“ haut der Kasperl ausnahmsweise nicht das Krokodil, sondern die ausdrucksstark geformten orthodoxen Vertreter der Weltreligionen.

Missverständnisse und Machtmissbrauch, mit voller Wucht prallt die quirlige Melange aus Doktrinen aufeinander und wird dank typisch deutscher Kasperle-Kunst artgerecht mit schlagfesten Darlegungen entkräftet. Wenn Argumente nichts mehr ausrichten können, helfen nur noch Schläge auf den Hinterkopf und zur Entspannung der Genuss eines süßen Strudels, eigens von Kasperles Frau Gretel gebacken. Von diesen irdischen Gaumenfreuden können allerdings sowohl Kardinal, Mullah, Jude, Hindu, Mormone als auch buddhistischer Mönch nur schwerlich die Finger lassen.

Mit einem aberwitzigen Rundumschlag nimmt Lilly Walden die Götter der Bibel und des Korans, Calvinisten und Rabbiner, aufs Korn. Die Puppenspielerin lässt ihre Figuren die Wahrheit verkünden, und doch sagen alle das gleiche. Im wahrsten Sinne des Wortes erscheint der ausgetragene Glaubenskrieg als absurdes Kaspertheater, bestens recherchiert und wortgewandt parodiert. Dabei ergibt sich allerdings für die Frau ein Problem: „Sie kann einen Glauben, welchen auch immer, nur annehmen, wenn sie zugleich bereit ist, sich selbst als minderwertiges Wesen zu akzeptieren. Denn als minderwertig gegenüber dem Mann wird sie in allen sogenannten Heiligen Schriften beschrieben“. Dabei erfährt im Gegenzug der Mann, dass er allen Frauen überlegen ist. Deshalb tun sich Männer mit dem Glauben oft leichter.

Und so schlittert Fräulein Mosimann, nachdenklich und amüsant mit messerscharfen Assoziationen, „Inquisition ist quasi die Stasi der katholischen Kirche“, zwischen Hexen- und Witwenverbrennung komödiantisch hin und her. Dabei lugt die Wahrheit hinter den Dingen hervor, schlängelt sich zuweilen durch populäre Schlussfolgerungen und dramaturgisch prägnant gekürzte und gewürzte historische Betrachtungen hindurch. Mit klarem politischem Statement hinterfragt Walden Glaubensbekenntnisse und Wissenschaftstheorien.

„Muss man immer glauben, was man sieht, wie Religionen und auch die Naturwissenschaften verkünden? Muss man an das Ozonloch glauben wie an Gott, an biologische Waffen in der Wüste, die man nicht findet, an Kriege, die geführt werden müssen, um den Frieden zu erhalten?“ Die blitzschnelle Schlussfolgerung folgt sogleich. „Muss man auch glauben, was nur vorrübergehend wahr zu sein scheint und was später die Geschichte widerlegt?“ Ein erstaunliches Dogmen-Potpourri, das Lilly Walden da zusammengetragen hat. Ein kurzweiliger, temperamentvoller Theater­abend mit humorvoller Geschichts- und Religionskritik, bei der Politiker und religiöse Vertreter mit Grips, Charme und musikalischem Witz lustvoll entlarvt werden.

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