Lokale Kultur

"Funkelndes Juwel" mit "himmlischem Ende"

KIRCHHEIM Es gibt Autoren, für die es nichts Schöneres gibt, als ihr neuestes Buch persönlich vorstellen und sich in der hart verdienten Gunst des Publikums sonnen zu können. Irene Dische gehört zweifellos

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WOLF-DIETER TRUPPAT

dieser Kategorie nicht an. Lesungen sind ganz und gar nicht ihre Welt, das räumte sie am Rande eines mutwillig öffentlich erweiterten "Familientreffens" im intimen Ambiente des kurzfristig zum Literaturcafé konvertierten Café Moser ein.

Bevor Irene Dische im Rahmen ihrer Lesereise im Buchhaus Zimmermann in Nürtingen die Pflicht erfüllte, ihren begeistert gefeierten Roman "Großmama packt aus" persönlich vorzustellen, nutzte die Erfolgsautorin die ihr von ihrem Verlag verordnete Pflicht dazu, in einer von Familienbanden ermöglichten Kür im Café Moser mit den dort versammelten Verwandten, Bekannten und Bücherfreunden ins Gespräch zu kommen und sich schon einmal vor vertrautem Publikum auf die Lesung in Nürtingen einzustimmen.

1952 in New York geboren, wie Moderator Gunter Nething nur "kurz" erwähnte, um emsiges Nachrechnen nicht unnötig zu provozieren, lebt Irene Dische in Rhinebeck und in Berlin. Dass sie wie auch Wolfgang Mosers Schwester Heidrun einen Mann namens Becker heiratete, schuf die erforderlichen verwandtschaftlichen Beziehungen, die nun dafür sorgen konnten, eine begeistert gefeierte Bestsellerautorin im Vorfeld einer Lesung in der Nachbarstadt praktisch "ganz privat" in Kirchheim kennen lernen zu können.

Dass sie mit ihrem Einstieg andernorts schon deutlich besser angekommen sei, registrierte die gefeierte, aber doch auch sehr selbstkritische Autorin im intimen Kreis des erweiterten Familientreffens in Kirchheim. Vom großen Interesse, das ihr und ihrem neuen Buch entgegengebracht wurde, war sie aber doch sehr angetan. Nach ihrer Lesung, die natürlich mit den provozierenden und große Erwartungen weckenden ersten Seiten ihres Buches begann, beantwortete sie gerne auch Fragen aus dem Publikum und kam dann doch noch einmal lesend auf ihre auspackende Großmutter zurück.

Da man in Biografien nur schwer der Möglichkeit widerstehen könne, das eigene Leben entsprechend zu schönen, setzte sich Irene Dische ganz bewusst dem unbarmherzigen Blick ihrer Großmutter aus, die immerhin schon 20 Jahre tot überhaupt keinen Grund mehr hat, auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen. Entsprechend taburesistent grantelt die monologisierende ältere Dame dann auch vor sich hin und kümmert sich nicht im geringsten darum, ob ihre politisch keinesfalls korrekten Ausführungen nun wichtige Aufklärungsarbeit leisten können oder auch nur ungemein verletzen.

Die unkeusche Katholikin Elisabeth Rother hat zweifellos vieles zu beichten, nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und kennt offensichtlich keine Tabus. Die Intimität des Schlafgemachs ist ihr genauso wenig heilig wie der liebe Gott, die Gestapo oder auch die deutsch-jüdischen Beziehungen, die die Geschichte ihrer Familie nachhaltig prägen. Irene Dische gelingt es ungemein gut, mit ihrem ironisierenden Blick auf die schwierige und doch voll akzeptierte Großmutter gut zu unterhalten.

Als Tochter eines bekannten Biochemikers und Nobelpreisträgers und einer Ärztin in New York aufgewachsen, hat Irene Dische die in sie gesetzten Erwartungen anfangs keinesfalls erfüllt. Statt brav zu lernen und durch gute Noten in der Schule die Voraussetzungen für ein Medizinstudium zu schaffen, riss sie von zu Hause aus, trampte mit ihrem weißen Kaninchen durch die USA und saß schließlich im Gefängnis, wo ihre Eltern sie dann abholen konnten. Im Alter von siebzehn Jahren zog sie erneut als Tramperin los, um die Welt kennen zu lernen.

Von 1970 bis 1972 arbeitete Irene Dische in Ostafrika für den weltberühmten Ethnologen Louis Leaky. Dass sie dessen aus Dian Fossey, Jane Goodall und Biruté Galdikas bestehende Damenrunde nicht ergänzte, liegt vor allem daran, dass die ihr in Kenia übertragene Projektarbeit sie furchtbar langweilte. Den guten Beziehungen des legendären Louis Leaky hat sie aber immerhin ihren Studienplatz an der Harvard University zu verdanken. Zwei Tage nach seinem Tod stellte sie dann aber die Weichen neu und wechselte von der von ihm verordneten Anthropologie zur Literaturwissenschaft.

Ein Germanistik-Professor hatte ihr einst bescheinigt, sie werde sich nie in geschriebener Sprache ausdrücken können. Dass Michael Naumann sie in der "Zeit" für "das funkelnde Juwel eines Romans" lobte und Matthias Matussek im "Spiegel" von einem "wahrhaft himmlischen Ende" schwärmt, ist ihr sicher ein Beleg dafür, dass diese These wohl doch nicht haltbar ist. Dass sie diesen Professor nach Jahren ausgerechnet bei einer Lesung wieder sah, freut sie noch heute. In gewisser Weise hat der Germanist recht behalten, denn Irene Dische spricht und liest zwar perfekt und akzentfrei deutsch, ihre Bücher hat sie aber alle in englischer Sprache geschrieben und die Übersetzung mit lektoriert.

Nachdem sie ein Drittel des ihr auferlegten Veranstaltungs-Pensums absolviert hat, ist Irene Dische überglücklich, das anstehende Wochenende in Palermo verbringen zu können, wo sie die Gelegenheit nutzt, sich über den Stand der Verfilmung ihres Buchs "Zwischen zwei Scheiben Glück" zu informieren.