Lokale Kultur

"Gefühl und Verstand zusammenbringen das ist Kreativität"

OWEN

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Der Gitarrist und Komponist Georg Lawall wandelt auf den Spuren großer Musiker mit seiner Vornamen-Kombination Georg Friedrich auf denen Händels und mit

ANDREAS VOLZ

seinem jüngsten Werk auf denen Mozarts: 1756 hatte Leopold Mozart im Selbstverlag eine Violinschule herausgebracht. Rund 250 Jahre später folgt Georg Lawall nun mit einer Gitarrenschule, bislang herausgegeben im Selbstverlag "Love All Music", Owen.

Hatte Mozart senior sein Werk noch zeitgemäß mit "Versuch einer gründlichen Violinschule" betitelt, so gibt sich Georg-Friedrich Lawall nicht weniger zeitgemäß: "Die Coole Schoole" heißt sein Lehrbuch, mit dem Untertitel "Gitarre kreativ". Aber so wie Leopold Mozarts Standardwerk weit über das bloße Unterrichten des Violinspiels hinausgeht und ganz universelles Wissen über die Musik vermittelt, bezeichnet auch Georg Lawall die "Coole Schoole" als sein "gitarristisches Vermächtnis", das auf seiner gesamten Erfahrung als Solist und Musikpädagoge beruht.

Als Opus 96 reiht Lawall die Gitarrenschule deshalb in die fortlaufende Zahl seiner Werke ein. Ob Komposition oder Lehrbuch, er hält beides für absolut gleichwertig: "Ich unterscheide nicht zwischen dem einen und dem anderen Werk." Für Georg Lawall ist das nichts als folgerichtig, denn er sieht nicht nur sich selbst als ganzheitlich denkenden Menschen, sondern versucht generell, Körper, Geist und Seele miteinander in Einklang zu bringen.

Das ist für den gebürtigen Kirchheimer nicht nur so dahingesagt. Dahinter verbirgt sich vielmehr ein ausgeklügeltes Konzept. In diesem Konzept steckt Musik wie könnte es anders sein , es lässt sich aber auf das gesamte menschliche Dasein anwenden. Georg Lawall spricht von einem "gesellschaftlichen Problem", das sich ihm folgendermaßen darstellt: "Wir reden viel von Kreativität, wissen aber gar nicht, was das ist. Kreativität bedeutet, dass ich lerne zu verstehen, was da passiert."

In der Gitarrenschule bezieht er sich dabei auf die Musik und erläutert seine Theorie am Beispiel der menschlichen Anatomie: Die sieben Halswirbel symbolisieren für Georg Lawall die Diatonik oder das "intelligente Denken". Für die Pentatonik beziehungsweise das "emotionale Denken" quasi "aus dem Bauch heraus" stehen die fünf Lendenwirbel. Zwischen Verstand und Gefühl herrscht in diesem System zunächst Chaos, das analog zur Schöpfungsgeschichte "kreativ" geordnet werden muss. Die Ordnung schaffen wiederum Musik und Anatomie gemeinsam, mit freundlicher Unterstützung der Mathematik: Sieben und fünf ist zwölf für das "kreative Denken" sorgen also die zwölf Brustwirbel, denen auf der musikalischen Schiene die zwölf Töne der chromatischen Tonleiter entsprechen. Lawalls ganzheitliches Fazit: "Man muss Gefühl und Verstand zusammenbringen das ist Kreativität."

Lawalls eigene Kreativität geht so weit, dass er in der "Coolen Schoole", seinem Opus 96, auf einer einzigen Seite nicht nur die menschliche Wirbelsäule vom Hals bis zur Lende darstellt, sondern auch noch die 24 Wirbel mit den 24 Halbtonschritten gleichsetzt, die zwischen der obersten und der untersten Gitarrensaite liegen. Doch damit nicht genug, auf derselben Seite seines Lehrbuchs erklärt der 52-jährige Owener auch noch komplexe Familienstrukturen anhand der musikalischen Harmonielehre.

Demzufolge bildet die Einkindfamilie einen perfekten Dreiklang in Dur, wenn das Kind gerade dem Vater ferner und der Mutter näher steht, in Moll, wenn sich diese Verhältnisse zeitweise umkehren. Ein zweites Kind verdrängt das erstgeborene aus der "Mittelstellung" in die Septime, wo es einerseits zwei Halbtöne unterhalb der Oktave dem Vater näher kommt und andererseits, mit dem Tritonus, dem neuen Geschwisterkind gegenüber in der "größten Spannung" steht, "die es überhaupt gibt". Aufzulösen ist diese Spannung nach der Lawallschen Harmonielehre durch die Geburt eines dritten Kindes, die das zweite dann seinerseits in die Tritonusstellung bringt. Die beiden älteren Geschwister halten von da an den wohlklingenden Abstand einer großen Terz dem anderen gegenüber ein: Eine neue Harmonie entsteht.

Um das Gitarrespielen als solches geht es in der "Coolen Schoole" natürlich auch. Wieder spielt die Anatomie eine wichtige Rolle: "Man darf nicht aus der Luft greifen", lautet Georg Lawalls gitarristisches Credo, "das Gelenk muss sich direkt über der Saite befinden." Gerade bei Anfängern werde in dieser Hinsicht einiges falsch gemacht. Viel Bewegungsfreiheit werde von Beginn an weggenommen. "Wer beidhändig aus dem Fingerwurzelgelenk spielt, kann mit wenig Bewegungsaufwand durchaus schöne Musik machen." Georg Lawall bedauert, dass die rechte Hand beim Gitarrespielen meistens vernachlässigt wird, "was die Klangqualität des Instruments beschneidet". Bei seinen Übungen ist das ganz anders. Da gibt es Stücke, die speziell auf die rechte Hand abgestimmt sind.

Sein Buch "Die Coole Schoole" sieht Lawall als das Ende einer ganzen Entwicklung, als "Zusammenfassung meiner gitarristischen Erfahrung". Eingearbeitet sind Etüden, die er seit 1973 geschrieben hat. Auch die "Saitenspiele" aus dem Jahr 1994 sind ein wichtiger Bestandteil der Gitarrenschule von 2004. Einen fundamentalen Unterschied sieht Georg-Friedrich Lawall aber doch: "Die ,Saitenspiele' beziehen sich mehr auf die Technik, die ,Coole Schoole' auf die ganze Musik. Am Ende blickt man durch in der Musik."

Nur so kann Lawall dem Anspruch gerecht werden, den er an sich selbst und an sein Werk stellt: "Die Gitarrenschule bietet für jeden etwas, der sich für Musik interessiert, auch für jeden Musikpädagogen. Man wird selten etwas finden, was auf 150 Seiten so komprimiert alles enthält." Deshalb habe er auch keine 100 Übungen zu jedem neuen Lernschritt verfasst, "sondern zwei, die reichen, um kreativ zu verstehen. Danach kann man selber 100 Übungen machen."

Bis jetzt vertreibt der Autor die "Coole Schoole" von Owen aus hauptsächlich selbst. Informationen dazu gibt es im Internet unter www.georg-lawall.de oder telefonisch unter der Nummer 0 70 21/5 56 34. Das Buch soll sich durch Feedback der Leser und durch eigene praktische Erfahrungen noch weiter entwickeln. "Es wächst von Auflage zu Auflage", sagt Georg Lawall, "irgendwann ist es fertig, dann kann man es drucken." Bislang erscheint die "Coole Schoole" noch in Auflagenzahlen von je 50 Stück und nähert sich auf diese Weise Leopold Mozarts Violinschule an, die zu ihrer Zeit ebenfalls zahlreiche Auflagen erlebt hat.