Lokale Wirtschaft

Geistesblitze und ein langer Atem

Der Wendlinger Unternehmer Joachim Bader steht seit diesem Jahr an der Spitze des Europäischen Erfinderverbandes. Er beklagt hohe Hürden für private Tüftler. Auch der Werkzeugbauer Dieter Reif aus Schlaitdorf stürzte mehrmals, bevor er eine seiner Ideen zum Erfolg führen konnte.

WENDLINGEN "Erfinden das ist zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Transpiration." Das Bonmot von Thomas Edison, dem die Welt unter anderem die Glühlampe verdankt, lässt Joachim Bader heute noch gelten. Als Präsident des Europäischen Erfinderverbandes AEI weiß er, wovon er spricht. Er kennt die bürokratische Mühsal des Patentwesens und die Widerstände auf der Suche nach Partnern und Kunden. Bader nimmt sie seit Jahrzehnten in Kauf.

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15 Patente laufen inzwischen auf seinen Namen. Aus seinen Ideen entstanden mehrere Produkte, die seine Mitarbeiter in der Wendlinger Firma Gebrüder Sträb herstellen. Der kurze Moment der Euphorie, wenn ihn wieder ein Geistesblitz trifft, und der Stolz, wenn mehrere Jahre später die ersten Kunden seine Neuheiten ordern, sind ihm die Anstrengungen dazwischen die Patentanmeldung, die Markteinführung mehr als wert. Er könnte auch gar nicht anders. "Meine freie Energie will sich entladen", sagt Bader. Im Urlaub, beim Rasieren, im Gottesdienst sein Geist kreist unablässig um eine Idee. "Wenn ich einen Einfall habe, lässt er mich nicht mehr los."

Mit seinem Wurzelpfahl hat Bader sogar einen Verkaufsschlager made in Wendlingen im Sortiment. Dem Wurzelwerk einer Kiefer nachempfunden dient der Pfahl als Fundament für Verkehrsschilder und Pfosten. Mit einem einfachen Vorschlaghammer kann man ihn in den Boden treiben. Dort fährt er Krallen aus, die ihn fest verankern und gegen Vandalen schützen: Braucht weniger Beton, geht schneller und kommt die Kommunen wesentlich billiger als bis dato. Die Stadt Wendlingen entdeckte die Innovation mit als Erste, Kommunen in ganz Europa haben inzwischen nachgezogen. Sie bescheren der Stanzerei Sträb ein weiteres Standbein, das die Firma eigentlich ein Zulieferer etwa für die Automobilindustrie unabhängig von der Konjunkturkurve einer einzigen Branche macht. Ein Drittel des Umsatzes machen die Erfindungen Baders inzwischen aus. Dazu gehört auch die Produktlinie Sicherheitstechnik. Kleine Krallen, die eingehakt in einen Rollladen diesen blockieren. Von außen sind die Läden kaum mehr zu öffnen.

Die Teile sind einfach, klein, nicht spektakulär wie eine Erfolg versprechende Erfindung laut Bader eben sein muss. Vor allem, wenn ein einzelner Mensch an ihr werkelt. Je komplizierter Idee und Umsetzung in diesem Fall sind, umso schlechter die Erfolgsaussichten. Die sind so schon ernüchternd. "Von 100 Erfindungen werden vielleicht 35 zum Patent und noch drei bis vier landen in der Produktion", sagt Bader. Der Rest stürzt über die Hürden der Bürokratie oder des Marktes.

Langwierige PrüfungMit der Patentanmeldung beginnt die Belastungsprobe der Nerven schon. Der Erfinder kämpft mit seiner Idee gegen alle Anmeldungen, die jemals gemacht wurden. Die Prüfung, ob unter den Millionen Patentschriften eine ist, in der sinngemäß das Gleiche drinsteht, dauert. Viel zu lange, findet Bader. Das europäische Patentamt lässt sich bis zu 54 Monate Zeit, das deutsche zwei bis drei Jahre. "Bis dahin hat sich der Markt aber unter Umständen schon wieder verändert und der Erfinder findet keinen Lizenznehmer mehr", klagt Bader.

Amerikanische Erfinder haben es da besser, auch weil ihre Kosten für ein Patent nur bei einem Fünftel der etwa 50 000 Euro liegen, die das europäische Patentamt verlangt. Außerdem genießen US-Erfindungen eine Schonfrist von sechs Monaten vor Patentanmeldung. So viel Zeit hat man, um seine Idee patentreif weiterzuentwickeln. "In Deutschland hingegen kann der Erfinder seinen neuartigen Mähdrescher nur im Stall testen. Sobald er rausfährt, kann jeder gucken und seine Idee kopieren, wenn er noch kein Patent hat", erklärt Bader. Umgerechnet auf die Bevölkerung liegt die Zahl der Patente jenseits des Atlantiks denn auch deutlich höher.

Manchmal ist aber auch hier zu Lande der Amtsschimmel im Galopp unterwegs. Dieter Reif gehört zu den Glücklichen, die es erleben durften. Nachdem er auch schon ein Patent zurückgezogen hatte, weil der Antrag nach fünf Jahren immer noch nicht bearbeitet worden war, bekam der Werkzeugbauer seine neueste Erfindung innerhalb eines Jahres geschützt. "Es ist ein Wunder, dass meine Sache so schnell durchkam."

Die Sache steckt in vielen Terrassen und Balkonen und heißt "Igel" für innovativ, genial einfach, langlebig. Eine kleine Kralle, die Balkonbretter miteinander verbindet und auf der jeweiligen Unterlage befestigt, ohne dass man wie bisher vorbohren und sichtbare Schrauben hinnehmen muss. 50 Prozent Zeitersparnis verspricht Reif. Ein Hersteller glaubte ihm und produziert die "Igel" exklusiv ein paar Millionen hat die Firma laut Prospekt seit 2001 verkauft.

Dabei hatte Dieter Reif ursprünglich die Nase voll. Nicht vom kreativen Denken, aber vom Vermarkten. Die schwierigste Etappe, weiß auch Bader: Ein Drittel der Energie geht für die eigentliche Erfindung und das Patent drauf. Den Rest investiert man in die Suche nach einer Fertigung und einem Markt. "Privatpersonen unterschätzen oft die Widerstände im Markt, vor allem die Macht von bereits vorhandenen Wettbewerbern. Der Gedanke, eine Innovation finde fast automatisch ihre Käufer, ist leider eine Illusion", sagt Bader.

Dieter Reif ist wahrlich kein Träumer. Dass ein gesättigter Markt nicht nach neuen Produkten schreit, die ein Einzelkämpfer in seiner Schlaitdorfer Werkstatt ersonnen hat, weiß auch er. Und dennoch hatte sich der 63-Jährige im Verlauf seiner Erfinderkarriere schon öfter große Hoffnungen gemacht die sich alle irgendwann zerschlugen. Zusammen mit einem Partner, der die Grundidee einbrachte, entwickelte er etwa ein Produkt bis zur Marktreife weiter. "Ein Liebhaberaccessoire", erklärt Reif.

Genauer will er nicht werden, er könnte immer noch Ärger bekommen. Denn nachdem sie zwecks Produktion bereits auf eine positive Resonanz bei regionalen Unternehmen gestoßen waren, riss der Sponsor seines Kompagnons das Geschäft an sich. Er drängte Reif aus dem Geschäft heraus. Das Accessoire kann man inzwischen kaufen, hergestellt wird es aber im Ausland. Reif sah nie einen Cent und hatte genug. Eine Vermarktung seiner neuen Ideen hat er seitdem nicht mehr versucht.

Die "Igel" taten ihre Dienste jahrelang nur im eigenen Balkon. Erst über einen Bekannten kam er in Kontakt mit der Herstellerfirma. Ein Vertrauensverhältnis war schnell hergestellt.

Bei der Patentschrift half ihm Joachim Bader, dessen Verband vor allem private Erfinder vertritt. Über die harmonische Zusammenarbeit aller Beteiligten hat Dieter Reif seine Begeisterung wiederentdeckt. "Ich habe in diesem Prozess die wunderbaren Gaben anderer entdeckt", sagt er. "Jeder Mensch trägt Innovationen in sich." Seine eigenen werden in Zukunft wieder verstärkt sprudeln. Dieter Reif hat wieder Platz genommen, daheim in seinem Erfindereck mit Schaukelstuhl und Blick auf die Schwäbische Alb. 2005 will er eine ganze Reihe neuer "Igel"-Modelle entwickeln.

nz