Lokale Kultur

Gemeinsam zum Gipfel einer Gattung

KIRCHHEIM Nach den bereits im Mai vergangenen Jahres unternommenen ersten Schritten zum Verständnis einer wieder entdeckten, 800 Jahre alten Dichtung, zeigte sich Dr. Horst Zimmermann beim

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WOLF-DIETER TRUPPAT

jüngsten Abend literarischer Begegnungen höchst erfreut darüber, dass doch so viele weitermachen wollen. "Das ehrt den unbekannten Dichter, das ehrt Sie und freut mich", machte der Hausherr am Donnerstagabend deutlich.

Im Mittelpunkt kluger Analysen stand dann zum zweiten Mal ein Werk, das vor allem deshalb noch größer wirke, weil es einsam dastehe. "Groß und klar" tauchte schließlich um 1200 und damit in der staufischen Blütezeit "neben den höfischen Romanen der Zeit ein heroisches Epos aus dem formlosen Nebel": das Nibelungenlied.

Sehr gerne bot sich Seminarleiter Zimmermann dann als verlässliche "Lesehilfe" an, um die in unterschiedlichsten Schichtungen und immer wieder virtuos eingesetzten Parallelstrukturen sich niederschlagenden Qualitäten dieses literarischen Kunstwerks auch etwas ungeschulteren Augen bequem zugänglich zu machen. Dass die Annäherung an ein literaturgeschichtliches Kleinod in diesem Fall unvermittelt auf den Gipfel der Gattung führe, könne nicht bezweifelt werden, zeigte sich Dr. Zimmermann überzeugt und begann umgehend, den Beweis für diese These anzutreten.

Als souveräner Vermittler zeigte er auf, wie die unterschiedlich ineinander geschlungenen Schichten aus Stoff, Stil und Lebensauffassung dieser fernen Zeit "auf heroischem Urgestein gründen" und warum es sich lohnt, bei der konzentrierten Lektüre ganz besonders intensiv auf die vielen verborgenen Schätze zu achten, die ein unbekannter Dichter diesem imposanten Werk mit auf den Weg gegeben hat.

Bei einem Umfang von "2379 Strophen zu je vier Langzeilen" müsse gekürzt werden, bedauerte Dr. Zimmermann und versicherte zugleich: "Der Ablauf der Geschichte soll Ihnen dabei nicht verloren gehen." Viel wichtiger als ein lückenloses Vermitteln der Handlung oder auch wichtiger als manche Details war ihm aber, dass sein Publikum die poetische Verfahrensweise und die Machart dieses faszinierenden Werkes kennen lernt. Nicht zu vermeiden war dadurch, dass immer wieder an Schlüsselpositionen für Erklärungen innegehalten werden musste oder auch von entsprechenden Aussichtspositionen aus zunächst noch einmal der zurückgelegte Weg aufgezeigt und begründet oder die bevorstehende Etappe schon entsprechend vorbereitet wurde.

Dass der unbekannte Nibelungendichter "nicht einfach linear erzählt", sondern "souverän Regie geführt" habe, machte Dr. Zimmermann immer wieder beredt deutlich und ermunterte sein Publikum vor allem auch dazu, sich dank der vorliegenden zweisprachigen Ausgaben und der damit gegebenen Möglichkeit eines kontrollierenden Blicks auf die Übersetzung sich doch lieber auf den mittelhochdeutschen Text einzulassen.

Den "Schlüssel zum Charakter, zum ideellen Kern des ganzen Nibelungenliedes" präsentierte er gleich zu Beginn mit Kriemhilds bereits in Strophe 17 übermittelter Ahnung, dass Liebe letztlich mit Leid "belohnt" wird. Dass das Nibelungenlied mit fast denselben Worten nach über 9 500 Versen endet und in der vorletzten Strophe das entsetzliche Blutbad erneut mit der Erkenntnis kommentiert wird, dass "Liebe letztlich immer zum Leid führt", offenbart für Dr. Horst Zimmermann ganz konkret greifbar und unverstellt "das Wesen dieser Dichtung". Der Wechsel von Liebe, Lust und Leid und die Erfahrung des Leides als der letzten, unentrinnbaren irdischen Wirklichkeit ist für ihn die Quintessenz heroischer Lebenserfahrung der Heldenepik.

Nicht nur die Nahtstelle zwischen der Geschichte von Siegfried und seiner Ermordung und dem Burgundenuntergang müsse bewusst reflektiert werden, auch die Frauengestalten seien der Gefahr eines Bruchs ausgesetzt. Die "minnigliche Jungfrau des ersten Teils" habe der Dichter geliebt, "die blutbesudelte Rächerin das zweiten Teils" aber bewundert, während er "mit der durch und durch heroischen Brünhild" nichts anzufangen wusste. "Die war ihm unheimlich", ist Dr. Zimmermann überzeugt. "Eine eigene Rache für die ihr angetane Schmach" habe der Unbekannte ihr nicht gegönnt.