Lokale Kultur

Genau hinschauen und die Wahrnehmung überprüfen

"Die Kunstwerke fordern uns dazu auf, genau hinzuschauen und unsere Wahrnehmung zu überprüfen", stellte die Kunsthistorikerin Barbara Honecker fest, die die rund dreißig Teilnehmer der ersten Kirchheimer Kunstführung durch ihre fundierten

UTE FREIER

Anzeige

Informationen dazu anregte, Besonderheiten an den einzelnen Kunstwerken wahrzunehmen, beziehungsweise überhaupt auf die Werke moderner Kunst zu achten, die verstreut in der Kirchheimer Innenstadt stehen.

"Seit Jahren komme ich hier vorbei, aber der Stein ist mir nie aufgefallen", war aus der Gruppe zu hören, als Barbara Honecker vor dem Sciola-Stein in der Grünanlage bei der Martinskirche stehen blieb. Beifälliges Nicken weiterer Teilnehmer bestätigte dieses Verhalten. "An vielen Kunstwerken bin auch ich immer vorbei gegangen", bekannte selbst Barbara Honecker, die zehn Jahre lang Ausstellungen im Kornhaus organisierte.

Dass Menschen die ausgestellten Objekte nicht länger übersehen, sondern bewusst wahrnehmen, ist das Ziel mehrerer Kunstinteressierter. "Kunst soll in Kirchheim einen größeren Stellenwert bekommen", wünscht sich Günter Glühmann, der schon vor drei Jahren angeregt hatte, innerhalb der Arbeitsgruppe "Attraktive Kernstadt" den "Runden Tisch Kunst" ins Leben zu rufen. Um die in Kirchheim vorhandenen zeitgenössischen Kunstwerke in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, erfassten die Mitglieder den vorhandenen Bestand und erstellten die Broschüre "Kirchheimer Kunstweg", die Informationen zu den einzelnen Kunstwerken, den Künstlern und Standorten enthält.

Zu diesem Kirchheimer Kunstweg bietet die Kirchheim-Info eine Kunstführung an, die nun erstmals für die Öffentlichkeit durchgeführt wurde. Bei dem Rundgang "erweckte" Barbara Honecker vierzehn von insgesamt 42 Kunstwerken in Kirchheim "aus dem Dornröschenschlaf". Dabei führte sie die Kunstinteressierten auch zu Werken, die nicht in der Broschüre vorgestellt werden.

Ausgangspunkt der Führung war der Haupteingang des Kreiskrankenhauses. Mehr als neun Meter ragt hier die Skulptur "Bewegtes Gefüge" in die Höhe. Große Stahlplatten reihen sich filigran und scheinbar schwerelos aneinander. "Es sieht aus, als ob alles umfallen könnte", fasste Barbara Honecker den Eindruck zusammen, "doch es hält durch die Ausgewogenheit. Der Künstler Reinhard Scherer führt mit dieser Skulptur die Statik ad absurdum. Er hinterfragt, wie das Material auf uns wirkt und was man damit machen kann."

Auch bei der nur wenige Meter entfernten Skulptur "Passage" von Josef Nadj wies Barbara Honecker auf den Gegensatz hin zwischen Material und Form. "In den Granitblock hat der Künstler eine Tür eingearbeitet, die gebogen ist". Steinmaterial, das 'weich' wird, ist paradox. Auch hier wolle der Künstler dazu auffordern, genau hinzuschauen. Genau hinzusehen lohne sich auch bei zwei Werken im Eingangsbereich des Kreiskrankenhauses", stellte Barbara Honecker fest und lenkte den Blick ihrer Zuhörer auf ein Wandbild in mediterranen Blautönen. "Das ist eines der Bilder, an denen man vorbeigeht, dabei ist der Maler, Hannes Steinert, in Kirchheim aufgewachsen."

Auf seine abstrakte Zustandslandschaft wird durch kein Schild aufmerksam gemacht, ebenso wenig wie auf das Bild seines Lehrers Rudolf Schoofs, dessen panoramaartige Aufsicht auf New Yorker Straßenschluchten nur wenige Meter entfernt im Foyer des Krankenhauses hängt. Rudolf Schoofs gilt als einer der renommiertesten Maler Süddeutschlands, er lebt und arbeitet in Stuttgart, wo er an der Kunstakademie als Professor für Malerei unterrichtete.

Verbindung zur Kunstakademie Stuttgart hatte auch Professor K. H. Türk, der in Nürtingen 1977 die Freie Kunstschule und 1986 die Fachhochschule für Kunsttherapie gründete. "Wie ein Altar" heißt seine auf dem Gelände des Krankenhauses, Ecke Stuttgarter Straße / Charlottenstraße aufgestellte abstrakte Skulptur, die durch die verwendeten Materialien irritiert. Was aussieht wie Holz, ist in Wirklichkeit gegossenes Eisen. "Das Ausdrücken von Gefühlen in einer anderen Art und Weise", war, laut Barbara Honecker, K. H. Türks Anliegen.

Mehrere der Künstler, deren Arbeiten in Kirchheim zu sehen sind, studierten an der Kunstakademie in Stuttgart und leben und arbeiten heute in der Umgebung von Stuttgart: Rotraud Hofmann, die ihren Arbeitsplatz in Stuttgart hat und deren aus hellem Naturstein hergestellte "Stufenstele" unweit von Türks Skulptur steht; Josef Nadj, der bei Horb am Neckar lebt; der in Esslingen tätige Bildhauer Helmut Stromsky, dessen graziles Windspiel "Licht und Wind" sich auf einer Grünfläche an der Stuttgarter Straße im Wind bewegt; Gerhard Dreher, der bis vor wenigen Jahren in Weilheim lebte und als Spezialist für Glasfenster im Jahr 1978 das mehr als 30 Meter lange Glasbild im Foyer der Stadthalle gestaltete.

Von Adam Lude Döring, der bis 1978 in Gutenberg wohnte, stammen das Wandbild an der Außenfassade des Teckcenters, ein Wandbild im Treppenaufgang und eines vor dem Foyer der Stadthalle. In allen drei Werken ist der Bezug zum ehemaligen Bahnhof, der an der Stelle des Teckcenters stand, nicht zu übersehen.

Die Figuren am Postplatzbrunnen hingegen beziehen sich auf die Sagenwelt von Kirchheim und Umgebung. Der in Genf lebende Künstler André Bucher, dessen erste Brunnen-Modelle nicht gerade auf Begeisterung stießen, entlehnte beim dritten Versuch seine Figuren aus Carl Mayers Sammlung "Sagen um Teck und Neuffen". So finden sich heute hier unter anderem die Sibylle von der Teck mit wehendem Haar, Verena Beutlin, auf einem Stock reitend, der feuerspeiende Drache auf der Limburg und der Rotgockel von Ötlingen, unter dem das Dorf versinkt. Mit Hilfe einer am Brunnen angebrachten Info-Tafel lassen sich die Figuren den einzelnen Sagen zuordnen.

Ob die Form der in der Metzgergasse aufgestellten "Figur in Aktion" von Reinhard Scherer wirklich etwas mit den Produkten des privaten Stifters, dem Nudelhersteller Hermann, zu tun hat, wagte Barbara Honecker nicht zu behaupten. "Doch sie ist sehr passend, denn mir fallen dazu Spaghetti ein", lautete ihr Kommentar. Diese Plastik ist, ebenso wie einige der anderen Kunstwerke, Eigentum der Stadt Kirchheim.

Die meisten Kunstwerke wurden zwischen 1978 und 1990, teilweise im Rahmen des Kunst-am-Bau-Projekts, in der Innenstadt aufgestellt beziehungsweise angebracht, laut Barbara Honecker unter der Ägide von Oberbürgermeister Werner Hauser. Weitere Werke kamen im Jahr 2001 hinzu, als der Landkreis Esslingen nach Abschluss des Kunstprojekts "Der große Albgang" beim Naturschutzzentrum Schopflocher Alb im Jahr 1999 einige der dort aufgestellten Kunstwerke ankaufte. Dazu gehören in Kirchheim die Werke "Passage", "Stufenstele" und "Wie ein Altar" auf dem Gelände des Krankenhauses.

Für das nächste Jahr ist wieder eine öffentliche Kunstführung geplant. Gruppen können sich jederzeit bei der Kirchheim-Info für diese Themenführung anmelden. Die kostenlose Broschüre "Kirchheimer Kunstweg" kann bei der Kirchheim-Info abgeholt oder angefordert werden.