Lokale Kultur

Genussvoll und schonungslos

Ausstellung mit Werken von Horst Janssen und Leslie G. Hunt in der Volksbank

Kirchheim. Auf den ersten Blick scheinen es recht unterschiedliche, beinahe gegensätzliche Positionen zu sein, welche die beiden Künstler einnehmen, denen die aktuelle Ausstellung in der Kirchheimer Volksbank gewidmet ist: Horst Janssen – fraglos einer der bedeutendsten und

Anzeige

Florian Stegmaier

produktivsten Zeichner und Grafiker der deutschen Nachkriegszeit, zugleich ewiges „Enfant terrible“ der Kunstwelt – thematisiert in seinen Arbeiten Abgründe und Extreme, zeigt als Mahnender politische Missstände auf, stellt Eros und Thanatos in schonungsloser Drastik nebeneinander. Leslie G. Hunt dagegen spricht in seinen Werken eine fröhliche und detailverliebte, den angenehmen und genussvollen Aspekten des Lebens zugewandte Sprache. Unter anderem erhielt der gebürtige Texaner, der seit Jahrzehnten in Frankfurt als freier Künstler lebt, Aufträge an einer Dekorserie für Rosenthal Porzellan zu arbeiten und wurde unlängst im lukullischen Magazin „Der Feinschmecker“ als Designer von Weinetiketten porträtiert.

Bei einer Werkschau, für die der kuratorische Sachverstand von Brigitte Kuder-Broß, Inhaberin der Reuderner Galerie „Die Treppe“, verantwortlich zeichnet, kann man neben der offensichtlichen motivisch-thematischen Polarität auch zu Recht ein verbindendes, die Ausstellung organisch zusammenhaltendes Element vermuten. Auf diesen gemeinsamen Nenner wies Kunsthistorikerin Barbara Honecker gleich zu Beginn ihrer Einführung hin: Beide Künstler arbeiten mit grafischen, insbesondere druckgrafischen Techniken auf Papier.

Gerade Horst Janssen habe sich dem Arbeiten auf Papier verschrieben wie kaum ein anderer, zumal in diesem Zusammenhang auch sein umfangreiches publizistisches Werk zu berücksichtigen sei. Bemerkenswert fand Honecker, dass Janssens Auseinandersetzung mit Grafik und Zeichnung in einer Zeit ansetzt, in der aus den Vereinigten Staaten überfallartig die abstrakte Kunst und das Action Painting in der Manier eines Jackson Pollock auf Europa hereinbrach. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen fühlte sich Janssen dadurch aber keineswegs gezwungen, ebenfalls ausschließlich abstrakt zu arbeiten. Von seiner gegenständlichen, an Vorbildern wie Rembrandt, Goya, Dürer oder Hokusai orientierten Schaffensweise ließ er sich nie abbringen.

Deutlich ist der Rembrandtsche Einfluss an Janssens Landschaften abzulesen, auch seine zahlreichen Selbstporträts mögen vor diesem Hintergrund zu sehen sein. Beides ist in der Kirchheimer Ausstellung zu studieren. Ebenso wie die Porträts von Frauen, von denen es in Janssens Leben nicht wenige gab und die für ihn stets – mal länger, mal kürzer – eine zentrale Rolle spielten und die einzelnen Abschnitte seines Schaffens entscheidend prägten.

Deformierte, skelettartige Figuren tauchen dann vermehrt in den Arbeiten der 1980er-Jahre auf. Eine Reaktion des Künstlers auf die sich zuspitzende politische Lage dieser Zeit, zugleich – so Honecker – ein schöpferischer Rekurs auf die mittelalterliche Tradition des Totentanzes. Den Vernissagegästen gab Barbara Honecker ein Zitat von Horst Janssen mit auf den Weg, das er 1981 geäußert hatte: „Vielleicht entdecken Sie in meinem Machwerk jene Bescheidenheit, die allein von Gewicht ist, meinen Größenwahn aufzuwiegen.“

Auch der andere Protagonist der Kirchheimer Ausstellung verlangt seinen Betrachtern einiges ab. Leslie G. Hunt arbeitet mit äußerster Akribie, zwingt den Betrachter zum genauen Wahrnehmen der Details, die sich jedoch kryptisch entziehen. „Die Schrift, für den Künstler sehr wichtig, erschließt einem nicht die Arbeit, wie man vielleicht erhofft, sondern verschließt sie noch mehr vor uns“, verdeutlichte Honecker dieses reizvolle, die Neugier des Betrachters befeuernde Paradox. Nicht umsonst spricht Hunt von seinen Werken als einer „Werkstatt der Fantasie“, deren zu entdeckende Hintergründigkeit durch eine virtuose Beherrschung der Farbradierung wesentlich befördert wird.

Bis einschließlich 8. April besteht zu den Geschäftszeiten der Volksbank Gelegenheit, in den Arbeiten von Horst Janssen und Leslie G. Hunt auf eigene Entdeckungsreise zu gehen.