Lokale Kultur

Gerhard-Marcks-Plastik "Albertus Magnus" würdigt den Gelehrten

LENNINGEN Ein eherner Dauergast in der Gemeindebücherei Lenningen blickt nachdenkend in die Weite. Ein Buch liegt aufgeschlagen auf seinen Knien. Er hält es mit der

Anzeige

ERIKA HILLEGAART

rechten Hand, mit der Geste seiner linken verleiht er seinen Gedanken Nachdruck. Es ist die Bronzeplastik "Albertus Magnus" des bekannten Bildhauers Gerhard Marcks. Sie lädt den Betrachter ein zum Lesen, Denken, Wissen.

Im Oktober feiern stets große Ereignisse das Kulturmedium Buch: die Frankfurter Messe, die Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises, der Tag der Bibliotheken. Im November gibt jetzt diese Skulptur in der Ortsbücherei den Lenningern Anlass zu stillem Gedenken an den Künstler und an den von ihm gestalteten Universal-Gelehrten: Gerhard Marcks starb vor 25 Jahren am 13. November. Der 15. November ist der Todestag von Albertus Magnus im Jahr 1280 und seit seiner Heiligsprechung der Namenstag von Albert. Der November, dieser viel geschmähte elfte Monat, ist die Zeit, langsamer zu werden, loszulassen und lange zu lesen.

Gerhard Marcks, am 18. Februar 1889 in Berlin geboren, zeichnete schon als Junge. Seine ersten Modelle, die Tiere im Zoo, lehrten ihn Geduld und Ausdauer. Die großen Lehrmeister des jungen Künstlers waren Georg Kolbe, Auguste Rodin und Aristide Maillol. Schwer krank kehrte er aus dem Ersten Weltkrieg zurück; eine Lehrtätigkeit an der Berliner Kunstgewerbeschule begann. Walter Gropius berief ihn an das Weimarer Bauhaus. Nach wechselhafter politischer und persönlicher Geschichte setzte er sich mit den Idealen der griechischen Antike auseinander und sah deren Missbrauch im faschistischen "Kulturbetrieb". Zahlreiche seiner Werke haben die Nazis bei Plünderungsaktionen vernichtet. Zwei seiner Plastiken wurden in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete er sich der Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses in Köln. Marcks sah die Plastik als "eine Sache der Gewichte und Proportionen". Realität und Ausdrucksstärke blieben bei seinen klar aufgebauten Werken immer gegenwärtig. Diese strenge Formgebung zeigt auch die Skulptur, die im Foyer der Bücherei an den Ostfenstern mit Blick zur Sankt Martinskirche steht.

Theologe des 13. JahrhundertsKöln war auch die Stadt, in der der Naturforscher, Philosoph und Theologe Albertus Magnus lange lehrte und dort starb. Er ist im schwäbischen Lauingen an der Donau um 1200 geboren und wuchs dort mit Bauern- und Winzerkindern auf. Er studierte in Padua, schloss sich dort dem Dominikanerorden an, promovierte in Paris und baute in Köln die erste deutsche Hochschule der Dominikaner auf. Einer seiner berühmtesten Schüler war Thomas von Aquin.

Albertus Magnus wurde zum Provinzial des Ordens gewählt und zog von Kloster zu Kloster durch Polen, Frankreich, die Schweiz und die Niederlande. Auf Ackerwegen und an Flussufern machte er zahlreiche Naturbeobachtungen. Seine Predigten kamen beim Volk und den Gelehrten gut an. Der Theologe und Naturforscher Albert war modern: Er hat das Denken und die Frömmigkeit zusammengeführt. Die Vernunft pries er als eine Gabe Gottes. In seiner gläubigen Weltsicht verhalf der Kirchenmann den Lehren des Aristoteles zu neuem Durchbruch, vermittelte bei Streitgesprächen und zog mit seinen Vorlesungen die Jugend an. In seiner kurzen Amtszeit als Bischof von Regensburg ordnete der Sechzigjährige das verlotterte Bistum. Danach machte er sich wieder auf Wanderschaft und schrieb seine Bücher.

Stets ist der "doctor universalis" mit einem Buch abgebildet. Eine der ältesten Abbildungen von Albertus Magnus ist in der großen Passion des Fra Angelino in Florenz zu sehen. Der Beiname Magnus der Große war im Mittelalter den Herrschenden vorbehalten. Die Weltoffenheit des Gelehrten faszinierte und überzeugte jedoch seine Zeitgenossen, die ihn mit diesem Ehrentitel adelten.

Gerhard Marcks hat nach den Schreckensjahren im 20. Jahrhundert dem großen Denker des Mittelalters ein Denkmal gesetzt. Dem Künstler gelang in seiner Formgebung und Ausdruckskraft, antike Traditionen modern zu interpretieren. Seine berühmte Plastik "Prometheus" ist noch gebeugt und gefesselt, seine Skulptur "Albertus Magnus" lässt er ins Weite blicken. Das aufgeschlagene Buch auf seinen Knien lädt ein zum Lesen, Denken, Wissen im Albranddorf Lenningen genau so wie in der Weltstadt Hamburg: Im Studierzimmer des ehemaligen Kanzlers Helmut Schmidt steht auch einer der wenigen Abgüsse dieser Figur.

An einem Novembertag im Jahr 1992 wurde das Schlössle seiner Bestimmung übergeben. Aus diesem Anlass stiftete das Haus Scheufelen diese Skulptur. Sie steht an einem guten Ort in diesem Haus des Buches mit seiner Bibliothek und dem Museum für Papier- und Buchkunst. Jetzt treibt der harsche November die Lesehungrigen wieder in die gut sortierten Schlössle-Bücherstuben dem ehernen Dauergast mit dem weisen Weitblick ist das recht.