Lokale Kultur

"Gesang der Stille"

BISSINGEN Am Samstag, 4. Dezember, klangen aus dem neuen Bissinger Rathaus befremdende Laute in die feierabendliche Adventszeit

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MARIA GLOTZBACH

hinein tibetanische Meditationsmusik. In der kleinen Eingangshalle des Rathauses hatten sich eine Gruppe versammelt, die diesen Tönen lauschten.

Anlass der Musik war die Ausstellungseröffnung Winfried Tränkners, der Grund aber, die Gäste durch die Musik ihren Ruhepol finden zu lassen, um somit die neue Skulptur des Bildhauers entspannt auf sich wirken zu lassen.

Der 1957 in Dettingen unter Teck geborene Bildhauer Winfried Tränkner hat sein Leben der Kunst gewidmet. "Ich bin vom Schicksal berufen, ein Künstler zu sein", erklärt Tränkner. Der hochgewachsene Mann mit einem Stirnband um die langen Haare erinnert an einen Hippie losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen und Verpflichtungen versucht Tränkner durch die Kunst und mit der Kunst, seinen Impulsen und Intuitionen Gestalt zu geben. Seine Skulpturen aus Stein, Holz oder Bronze strahlen die gleiche Ruhe und Menschlichkeit aus wie er selbst.

Während eines halben Jahres schenkte Tränkner einem drei Meter hohen Zedernholzbaumstamm seine völlige Aufmerksamkeit und erschuf daraus eine Frau. Die imposante Plastik strahlt Ruhe und Kraft aus, doch gleichzeitig wirkt sie verletzlich. Ihre in den Himmel gestreckten Arme bieten eine große Angriffsfläche. So widersprüchlich die Erscheinung ist, so taufte auch Tränkner seine Skulptur in einem Widerspruch "Gesang der Stille". Aber "kann Stille klingen oder singen", fragt die Tübinger Kunsthistorikerin Bärbel Berger in ihren einführenden Worten die Gäste. Ja, sie kann es. Tränkners Monumentalplastik ist der Beweis dafür, das Schweigen der Skulptur klingt in den Raum hinein und verströmt Ruhe. Die gleiche Ruhe strahlt auch das Pendant von "Gesang der Stille", "Der Seher" aus. Eine zirka zwei Meter hohe Plastik aus Quarzsandstein, auf deren Schulter ein Vogel sitzt, ist der Versuch, "den Menschen auch mal friedlich darzustellen", erläutert Tränkner sein Werk.

Der leidende, tröstende und liebende Mensch steht im Mittelpunkt der Arbeiten des Bildhauers. Dabei schafft es Tränkner in seinen Skulpturen, die Kunst der Etrusker, Inkas, Ägypter, Naturvölkern und Romanik mit der Kunst der Moderne zu vermengen, ohne dass es störend wirkt.

Die Keimzelle der Produktion des Bildhauers, sein Atelier auf dem "Helleshof", befindet sich in der Harmonie und Stille der Natur und inspiriert den Künstler für seine archaischen Werke. Dabei genießt er die völlige Unterstützung seiner Frau, die ihn in schweren Zeiten daran erinnert, "dass es Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind als Geld", berichtet der Künstler.

Ferner werden neben Gesang der Stille" und "Der Seher" noch andere Werke ausgestellt, so die abstrakte Holzplastik "Die wiedergefundene Zeit", oder "Der ruhende Mond". Eine Bildergalerie seiner Werke ermöglichen schließlich einen tieferen Einblick in sein künstlerisches Schaffen. Tränkners Skulpturen werden bis zum 21. Dezember im neuen Bissinger Rathaus ausgestellt. Doch leider, wie auch der Bissinger Bürgermeister Wolfgang Kümmerle bedauerte, hindert das begrenzte Platzangebot eine völlige Entfaltung der Wirkung der Skulpturen.