Lokale Kultur

"Geschäftsführer mit Scherz", aber ohne Skrupel

KIRCHHEIM Wer in so jungen Jahren schon so viele Preise eingeheimst hat, muss einfach gut sein. Dass sie das sind, belegten die unentwegt um die Gunst des Publikums buhlenden Kabarettisten "Dietrich & Raab" am Freitagabend in der Na-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

berner Zehntscheuer. Sie zeigten aber auch unmissverständlich auf, dass ihnen nichts heilig ist und Kabarett nicht unbedingt ausgelassene Fröhlichkeit bedeuten muss, sondern zuweilen auch zur fast schmerzhaften Grenzerfahrung werden kann.

Der spielerische Kampf der Kabarettisten um die Führerschaft in Sachen Publikumsgunst hatte in seiner politischen Phraseologie und Zugespitztheit wohl nicht zufällig Wahlkampfqualität. Geschickt verstanden es die beiden Rostocker auch, nicht nur Westen und Osten ostentativ gegeneinander auszuspielen, sondern auch im unbarmherzigen Kampf um die eigene Vorherrschaft im Publikum entsprechende Unterstützung zu suchen egal ob das nun "der kleine Mann" ist, die "ökonomischen Leistungsträger", die "politischen Entscheidungsträger" oder der zum Helden des Abends erkorene Horst, der zugleich die oberen Zehntausend repräsentieren und auch noch eine Randgruppe vertreten musste.

Als "Geschäftsführer mit Scherz" wollten sich beide gleichermaßen empfehlen und künftig nur noch Kabarett-Programme anbieten, die auf einem Bierdeckel Platz finden. Vom Antirassismuslied und einem Pazifismus-Sketch kalauerten sie sich dann bis zu "echten Katastrophen" weiter, wie dem 11. September an dem ihr Tourbus durch einen Auffahrunfall beschädigt wurde und noch heute mit einem nicht ausgebeulten hinteren Kotflügel durch die Gegend fährt.

Von Obdachlosen, die bei Zahnärzten einbrechen, wechselten sie auf das Traumschiff "Aida blue", das mit 20 Knoten auf eine völlig überladene Flüchtlingsbarkasse zusteuert. Anschließend ängstigten sie sich dann furchterregend davor, ohne Schutzweste in eine Grundschule gehen zu müssen. Als hochmotivierte Motivations- und "Gute-Laune-Trainer" peitschten sie Sekunden später ihrem Publikum ein, was alles raus muss. Nach im gemeinsamen Höhenflug der Emotionen begeistert verabschiedeten "Sorgen", "Problemen" und "Bonzen" ging die skrupelresistente Liste dann freilich mit Ausländern weiter und sparte auch das Sudetenland nicht aus.

Wie schwer es fallen kann, Parteien an ihren Programmen zu erkennen und auseinander zu halten, belegten "Dieterich & Raab" mit einem Ratespiel, das dann auch überraschende Anleihen beim Grundgesetz, den Grauen Panthern oder auch bei Dieter Bohlen machen musste. Um nicht in blinden Populismus abzudriften, bemühten sich die beiden Kabarettisten auch um so sperrige Themen wie die Kleingartenverordnung und die darin praktisch mit Gesetzeskraft festgeschriebene Ligusterhecke am Eingangsweg.

Dass sich die geistigen Väter der leitmotivisch durch das Programm sich ziehenden Autobahnmaut an etwas bereichern, das von Adolf Hitler stammt, wurde genauso problematisiert wie die Idee eines antimongolischen Schutzwalls. Auch wenn die sich bekriegenden Kabarettisten aus Rostock in übereinstimmender Harmonie ein persönliches Zeichen setzen und Hoffnung wecken wollten für die Schwächsten der Gesellschaft, verzichteten sie doch auf ein Lied über Ossis.

Die spielerisch in den Raum gestellte Drohung, das Finale mit globalen Katastrophen des 21. Jahrhunderts zu bestreiten, wurde von den beiden Handlungsreisenden in Sachen rabenschwarzer Humor dann aber doch nicht wahrgemacht. Bitterböse wurde es gegen Ende aber doch, weshalb sich die Forderung nach einer Zugabe fast nicht stellen konnte. Das "Lied vom erfolglosen Bombenbauer" wurde zunächst mit der Erkenntnis eingeleitet, dass die NATO "gute Minen zum bösen Spiel" macht, um dann im Refrain voller Schmelz zu singen " . . . und wenn du gehst, dann geht nur ein Teil von dir und der Rest verteilt sich hier . . ." Um diesen grenzwertigen Fröhlichkeitsversuch noch zu steigern, wurde die "Ballade vom elektrischen Stuhl" und dem damit verbundenen "Kribbeln im Bauch" hinterhergeschickt.

Da konnte der seine Mitmenschen von hinten strangulierende Friedensaktivist Tom eigentlich fast schon nicht mehr richtig schockieren. Schließlich zeigte er damit ja nur, dass er nicht verbohrt, unbelehrbar und blind einer Ideologie hinterherrennt, sondern durchaus auch flexibel ist.

Richtig betroffen machte an diesem Abend eigentlich nur eines: mitten im virtuosen Spiel riss die E-Saite der Gitarre, doch auch das wussten die routinierten Kabarettisten kalauernd und kaltschnäuzig improvisierend und dann eben die Geige mehr in den Mittelpunkt stellend schnell wieder vergessen zu machen.