Lokale Kultur

Geschichten für Tag und Traum

LENNINGEN "Lesen lohnt du kannst dich treiben lassen, du bestimmst den Sprachfluss, in dem du treibst." Die Stuttgarter Germanistin Dr. Susanna Gilbert gab wieder Tipps

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ERIKA HILLEGAART

beim "Bücherfrühling 2005" im Schlössle, dem Lenninger "Haus des Buches". Die Literatur- und Lesefans kamen auf Einladung von Ev Dörsam und Tina Kulhanek. Die beiden sorgen dafür, dass in der örtlichen Gemeindebücherei die Gegenwartsliteratur neben den Klassikern in den Regalen steht und nicht zu lang, denn mit ihren Büchertischen, Bücherlisten, Lesungen und Kurzbeschreibungen verlocken sie stets zu Streifzügen durch den Büchermarkt.

Der Lenninger Bücherfrühling 2005 war ganz dem neuen Markt gewidmet. Die Dichterjubilare dieses Jahres Friedrich Schiller, Hans Christian Andersen, Adalbert Stifter, Jules Vernes, Jean Paul Sartre, und die medienpräsenten Themen blieben ausgespart. Maienkühl war der Abend, die Sprossen-Schiebefenster im Renaissancebau machten aus dem Albpanorama und den Gewitterwolkenfetzen kleinformatige Aquarellbildchen. Sie kontrastierten mit den Gemälden "Bilder und mehr" von Rainer Hoffelner in den Bücherstuben. Doch die Blicke der zahlreichen Besucherinnen wandten sich den Bücherbergen zu, die am Podiumstisch der Referentin gestapelt lagen.

Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Das gilt im richtigen Leben und bei Geschichten für Tag und Traum. "Ich empfehle, Sie urteilen", sagte Susanna Gilbert. Sie werde keine Bestsellerlisten präsentieren sondern ihre Neuentdeckungen. Sie sei ein Fan der Unterhaltung. "Ein gutes Buch unterhält", zitierte sie Mark Twain. So waren in ihrer langen Bücherliste gerade auch zahlreiche angelsächsische Autoren genannt, die Spannung, Crime und Fantasie zu verbinden wüssten. Mal was anderes sei "Das letzte Geheimnis" von Jan Caldwell und Dustin Thomason, ein unheimlicher Thriller, in die Renaissancezeit verlegt, mit überraschend realer Lösung. Oder: Amanda Eyre schildere, gut recherchiert, in "Die Träumenden" das Schicksal der Todeskandidaten in einem texanischen Gefängnis. David Guterson treffe in "Unsere Liebe Frau vom Wald" mit der Schilderung von Marienerscheinungen die derzeitig spürbare Sehnsucht nach Orientierung und Glauben. Es sei ein großes Werk, aber man müsse genau lesen.

Die Novelle "Train dreams" des jungen Amerikaners Denis Johnson sei "schulreif", reif, im Unterricht gelesen zu werden. Es ist die Geschichte eines Tagelöhners in den Wäldern von Kanada vor hundert Jahren, der Frau und Kind bei einem Brand verloren hatte, die ihm aber in den Wachträumen begegnen: "Der Mond ging gegen Mitternacht auf und hing bis zehn Uhr morgens über dem Queen Mountain. Die Tage waren kurz und hell, die Nächte klar und kalt. Doch waren die Nächte von einer rauen Hysterie erfüllt . . ." Natürlich setzte auch die Referentin auf Spannung bei der Kurzbeschreibung von Liz Jensens "Das neunte Leben des Louis Drax" oder Peter Robinsons "Ein seltener Fall". Als guten Historienroman empfahl sie Martina Kemps "Die Königsmacherin". Das Leben der intrigant-klugen Mutter von Karl dem Großen sei geschickt geschrieben nach einem genauen Studium der sparsamen Quellen aus jener Zeit.

Von den Sachbüchern dürfte Elisabeth Niejahrs Analyse der künftigen Bevölkerungsstruktur Interesse finden: "Alt werden nur die anderen". Das Buch kann als Ergänzung zu Frank Schirrmachers "Methusalem-Komplott" angesehen werden mit vielen realen, praktischen Überlegungen. Unterhaltsam sei "Schöner leiden. Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums" von Ulf Geyersbach und Rainer Wieland, und doch sei es eine hintergründige Sicht von depressiv kranken Menschen.

Die Liste war lang und liegt in der Gemeindebücherei Lenningen auf. Die meisten genannten Bücher stehen in den Regalen aber nicht zu lang. Denn beim "Bücherfrühling 2005" konnten die Besucherinnen und ein Besucher ihren Lesehunger mit neuem Stoff, aus dem die Träume sind, gleich stillen.