Kirchheim

Gewerkschaft kämpft für ein würdiges Leben

Mai-Kundgebung Bei den Reden zum Tag der Arbeit vor dem Kirchheimer Rathaus stand gestern Mittag die Gerechtigkeit im Mittelpunkt. Von Andreas Volz

David Warneck warnte gestern in seiner Kirchheimer Mai-Rede davor, dass die soziale Mitte erodieren und der soziale Friede zerst
David Warneck warnte gestern in seiner Kirchheimer Mai-Rede davor, dass die soziale Mitte erodieren und der soziale Friede zerstört werden könnte.Foto: Markus Brändli

Für die Schlagworte „Vielfalt“, „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ haben sich Redner und Demonstranten der gestrigen Mai-Kundgebung vor dem Kirchheimer Rathaus eingesetzt. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker wünschte sich, dass die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Themen stärker ins allgemeine Bewusstsein rücken würden.

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Die Vielfalt ist in Kirchheim längst verwirklicht: Nach den Zahlen, die die Oberbürgermeisterin vorlegte, hatten 2011 bereits 31,3 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Inzwischen dürften es sogar deutlich mehr sein. Bei der Gerechtigkeit dagegen sieht sie noch großen Nachholbedarf: „Wir haben eine Verpflichtung, auf die zu sehen, die arbeiten, aber nicht davon leben können.“ Und zur Solidarität rief sie auf, um gegen Kinderarmut vorzugehen: „Seit zehn Jahren gibt es das Aktionsbündnis Starkes Kirchheim, und ich bin sehr froh darüber. Aber eigentlich sollte sich der Staat darum kümmern, dass jedes Kind am ganz normalen Leben teilhaben kann.“

Genau um dieses „normale“ Leben für alle ging es auch dem GEW-Kreisvorsitzenden David Warneck, der die eigentliche Mai-Rede in Kirchheim hielt: „Die Chancen, ein gutes, gesundes, zufriedenes, materiell sorgenfreies, würdiges Leben zu führen, sind sehr ungleich verteilt in unserem Land.“ Als einen Grund dafür nannte er die zunehmenden atypischen oder prekären Formen der Arbeit: befristete Beschäftigung, Teilzeitarbeit, Minijobs, Leiharbeit, Soloselbständigkeit und Praktikantenstellen. Seit Beginn der 1990er-Jahre habe sich der Anteil der atypischen Beschäftigung an allen Jobs verdoppelt.

Realeinkommen im Sinkflug

Aber auch für diejenigen, deren Arbeitsverhältnisse nicht prekär sind, forderte David Warneck mehr Gerechtigkeit - beim Thema „Nettorealverdienste“: „Seit 1993 fallen die Realeinkommen. Erst in den letzten sechs Jahren scheint dieser Trend gestoppt.“ Gefallen seien die Einkommen vor allem dort, „wo es keine Tarifverträge und keine Gewerkschaften gibt“.

Die Grundsatzfragen, die David Warneck stellte, waren zugleich als Handlungsaufruf gedacht: den Kapitalismus zu zivilisieren, die Macht der Finanzmärkte zu brechen oder auch die Marktkräfte menschlichen, sozialen und ökologischen Kräften unterzuordnen. Als „Schicksalsfrage“ des Kapitalismus sieht er aber die Verteilungsfrage: „Wenn wir den Kapitalismus nicht verändern, dann wird die Ungleichheit in diesem Jahrhundert weiter zunehmen, die soziale Mitte erodieren und der soziale Friede zerstört werden.“

Im Blick auf die Agenda 2030 will der lokale Linken-Politiker Heinrich Brinker „Schluss machen mit einem System, in dem Ressourcen verschwendet werden und Menschen nur Kostenfaktoren sind“. Deshalb rief er dazu auf, gemeinsam für eine solidarische und friedliche Zukunft zu kämpfen.

Den Kampf für eine gerechte Welt - ohne Unterdrückung, Ausbeutung, Hunger und Krieg - will auch Umut Bodur vom Volkshaus Kirchheim aufnehmen: „Der deutschen Wirtschaft geht es gut. Davon kommt aber kaum etwas bei den Armen an - und auch nicht bei Arbeitslosen, Rentnern, Arbeitern oder Angestellten.“

Im Anschluss an die Reden zogen die Mai-Demonstranten zwar nicht direkt in den Kampf. Aber nach Absingen der „Internationale“ zogen sie mit Parolen und Spruchbändern um den halben Alleenring, bevor die Veranstaltung beim Mai-Fest in der Linde friedlich ausklingen konnte.