Lokale Kultur

"Gibt es ein Leben nach dem fünfzigsten Geburtstag?"

KIRCHHEIM Wer am Freitag im katholischen Gemeindehaus Sankt Ulrich den Kabarettabend "Midlife Riesen" mit Otmar Traber in vollen Zügen genießen wollte, tat gut daran, unterhalb der vorgegebenen magischen Jahreszahl zu liegen, die der

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WOLF-DIETER TRUPPAT

katholische Theologe, kabarettgestählte kirchliche Weiterbildner und krisensensibilisierte praktizierende Paartherapeut unbarmherzig als Beginn allen Übels dechiffrierte. "Gibt es ein Leben nach dem fünfzigsten Geburtstag?" lautete die unbequeme Frage, die er sich und seinem Publikum stellte.

Auch wenn der erkennbar "in die Jahre" gekommene bärtige Alt-Achtundsechziger das ihm verbliebene ergraute Haar lang und offen trägt und seinen rotweinverwöhnten Körper in ein fast etwas zu knapp gewordenes Che-Guevara-Hemdchen hüllte, tat sich der 1954 geborene Geistliche auf offener Bühne gebührend ostentativ, offensiv und vor allem intensiv leid.

Blaubesockt im hartholzverstärkten und mit Schnitzereien verzierten Sessel sich räkelnd, zog der apokalyptisch Alternde das Publikum so unbarmherzig wie vergnüglich in seine von tiefen Depressionen gezeichnete Lebenskrise hinein. Statt immer wieder belehrend den Zeigefinger zu recken, trug der kriselnde Katholik konsequent seine angeblich arthrosebedingte aber höchst verdächtig wirkende Mittelfingerversteifung wie eine Monstranz vor sich her.

Die einstige Begeisterung für den jugendlichen Revolutionär Che Guevara hat bei dem Apo-Opa offensichtlich längst der Bewunderung für die seinem Idol widerfahrene "Gnade des frühen Abgangs" Platz gemacht, während er im libidinös immer leerer werdenden Lebensabschnitt zu allem Übel auch noch klar erkennen muss, dass der Che in ihm immer CDU-kompatibler wird. Der Schimpanse in ihm das zeigt die tägliche Pirsch zwischen Supermarkt-Regalen hat immer weniger Hoffnung, von einem der ganz offensiv in ihrem Revier aufgesuchten Wesen wilder Begierden überraschend angefallen zu werden. Zunehmende Angst vor der katholischen Kirche und Alice Schwarzer kommen hinzu.

Seine einstige Hoffnung, wie Sophia Loren 30 Jahre lang 40 bleiben zu können, um dann plötzlich 70 zu sein, hat der im Herzen ewig Junggebliebene längst desillusioniert über Bord geworfen. Trost im Alter ist ihm nur, dass sein von Ehefrau Gerda verherrlichtes Vorbild nach seinem zwischen Buchdeckeln verewigten langen Lauf zu sich selbst inzwischen im kurzen Sprint längst wieder zu seinen Urformen zurückgefunden hat. Wann immer nun sein "Deformationsidol Joschka" im Fernsehen auftaucht, macht er voller Schadenfreude seine Frau darauf aufmerksam, die im Gegenzug Fotos in der Verwandtschaft herumzeigt, auf denen ihr munterer Mitfünfziger in Badehose am Atlantik oder nackt am Gebirgsbach zu sehen ist.

"Papa ist zu dick", lautet dann auch das aus diesen Darstellungen resultierende vernichtende Urteil der Tochter, die mit einer bar bezahlten Jahreskarte dafür sorgt, dass der Theologe das Trainingscenter ihres Vertrauens fortan sogar 14 Monate nutzen kann. Im Kreis sportgestählter Schwarzeneggerinnen tut sich der von aufkommender Blasenschwäche und Todessehnsüchten getriebene fröhliche Melancholiker vor allem in der gemischten Sauna schwer.

Einen Rest seines sich stündlich reduzierenden Selbstbewussstseins kann der nicht allzu asketische Akademiker nur im Wissen darum bewahren, dass ihn einst der "Leichen-Dieter-Bohlen" Gunther von Hagen möglicherweise post mortem noch zum "abgeschälten Superstar" umdesignen wird.

Bei einem "Tag der offenen Leiche" könnte er dann ja immerhin bei Weißwürsten und Freibier durch seine Schicht für Schicht gewissenhaft freigelegten inneren Werte und eindrucksvoll optimierte Proportionen an der entscheidenden Stelle punkten. Eine Feuerbestattung kommt wegen der schmerzhaften Erinnerung an eine Verbrennung am Ellbogen in jugendlichem Alter für den skrupelresistenten Kabarettisten ohnehin nicht in Frage dann schon lieber als Asche in den Neckar.

Vorerst, so lautete Apo-Opa Otmar Trabers schonungslose Bilanz nach einem zurecht mit viel Applaus bedachten begeisternden Kabarettabend, bleibe er "in dem sexuellen Zustand, in dem ihn die katholische Kirche schon immer haben wollte."