Lokale Kultur

Gitanisierendes Melos und arenenhafte Atmosphäre

KIRCHHEIM Stellte man sich die Kastanien als Pinien und die in der Dämmerung jagenden Fledermäuse als Rossignols vor, dann hätte man sich wirklich an Stelle des Marstallgartens in einen Winkel der südfranzösischen Stadt Arles befinden können, denn der laue Sommerabend

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PATRICK TRÖSTER

beherbergte an sich schon mediterrane Gefühle. In bester Musizierlaune war das Schwäbische Kammerorchester gestimmt, und Dirigent Matthias Baur gestikulierte mit südlichem Temperament.

Georges Bizets Carmen-Suite war genau der richtige Auftakt. Zwar musste das Orchester unerfahren im Freien aufzuspielen erst seinen vereinenden Klang finden, doch die Sogkraft des gitanisierenden Melos und die Verdichtung des tragischen Pathos wirkten verschmelzend. Alsbald verbanden sich die farbigen Holzbläser, die glänzenden Trompeten, die samtigen Hörner, das stramme Schlagwerk und nicht zuletzt die zahlreichen Streicher in der Emotionalität und dem Verismo des suitenhaften Audio-Kurzfilms.

Das Orchester war schon dabei, angestachelt von der arenenhaften Konzertatmosphäre und dem engagierten Dirigat Matthias Baurs, über sich hinauszuwachsen, doch dann bremsten immer wieder rhythmische Detailverschiebungen innerhalb der Streicherriege. Einen ersten bleibenden Eindruck ihrer Kunst hinterließ die Altistin Cecilia Tempesta in Bizets "Habanera" innerhalb der Carmen-Suite, der dank ihres italienischen Zungenschlages eine durch und durch katalanische Note erhielt. Doch mit den vorgetragenen drei Arien aus "Samson und Dalila" von Camille Saint-Sa‰ns löste sie größte Bewunderung aus und bewegte das Orchester zu einer duftigen Begleitung.

Warm, mitfühlend, schlicht und mit feinen Nuancen sang Cecilia Tempesta sich mit den Liebesliedern in die Herzen der gebannt und regungslos lauschenden Zuhörerschaft. An dieses Niveau versuchte das Schwäbische Kammerorchester mit der zweiten Arlésienne-Suite von Georges Bizets anzuknüpfen. Insbesondere die Holz- und Blechbläser boten Höchstleistungen, was Intonationssicherheit und rhythmische Genauigkeit anbetraf, unterstützt von frei schwingenden Streicherklängen. Einen Höhepunkt stellte das Menuett dar, das sehr erlesen von der Harfe und der Flöte vorgestellt ward und in das sich im Dacapo eine Saxofonstimme linde einflocht.

Die abschließende Farandole krönte nicht nur die Arlesiénne-Suite mit ihrem lebhaften und heißblütigem Schwung, sondern hinterließ im Publikum auch ob ihrer Vitesse den Eindruck musikantisch kalkulierter Raffinesse.

Mit der Ballett-Truppe Dagmar Linckes kam eine weitere Dimension in die Soirée méditerranée. Elevinnen dreier Niveaux boten zur Musik des Schwäbischen Kammerorchesters einzelne Sätze von Bizets Carmen- und Arlésienne-Suite sowie aus den "Jeux d'enfants" und der Pianistin Maka Kasradze fünf Stücke aus Robert Schumanns "Kinderszenen" eigenartige Interpretationen. Die Choreografien Dagmar Linckes verkündeten allerlei Witz, was die Orchesterstücke betraf.

Die berühmte Carmen-Habanera gebärdete sich beispielsweise kätzisch, oder die "Marche" aus den "Jeux d'enfants" entlockte nicht nur dank der bunten übergestreiften Socken breites Schmunzeln. Dagegen waren die ausgewählten "Kinderszenen" richtig kleine Wohnzimmer-Szenen einer Kinderstube, wie sie treffender kaum hätten illustriert werden können. Neben den feinsinnigen Gebärden, dem sprechenden Schrittrepertoire und den erzählenden Raumwegen glänzten die Ballettschülerinnen durch ausgefeilte und exakte Einstudierungen.

Dagmar Lincke überlässt nichts dem Zufall und durch diese Akkuratesse besticht sie zusammen mit ihrer tänzerischen Fantasie. Doch diese Tanzdarbietungen erfuhren durch die eingestreuten Kinderreime aus der Sammlung "Allerleihrau" von Hans Magnus Enzensberger noch einen ganz besonderen Pfiff. Theresa Romer und Stefanie Kerker trugen sie frech gebärdend aus schwindelerregender Höhe vor nämlich von der Stadtmauer herab einfach köstlich.