Kirchheim

Glauben ohne Dogma

Religion Seit 2014 gibt es in Kirchheim ein alevitisches Kulturzentrum. Seine Mitglieder setzen sich für ein friedliches Zusammenleben ein. Von Daniela Haußmann

Seit 2014 treffen sich die Mitglieder der alevitischen Gemeinde Kirchheim im Riethmüller-Areal. Dort befindet sich ihr Versammlu
Seit 2014 treffen sich die Mitglieder der alevitischen Gemeinde Kirchheim im Riethmüller-Areal. Dort befindet sich ihr Versammlungshaus. Ihre Glaubensinhalte geben sie durch Gesänge und Gedichte weiter. Foto: Daniela Haußmann

In Deutschland leben mehrere Hunderttausend Aleviten. In der Region sind es bis zu 2 000. Das schätzt Hasan Budak vom Alevitischen Kulturzentrum Kirchheim. Die Aleviten bilden eine religiöse Minderheit, von der nur wenige wissen. Ihr Glaube gilt als eng mit dem Islam verbunden, in ihrer Lebensweise unterscheiden sie sich aber deutlich von Sunniten und Schiiten. Das wird beim Besuch in den Räumen des Vereins im Kirchheimer Riethmüller-Areal schnell deutlich. Einen Gebetsraum, eine Gebetsnische suchen Gäste hier vergebens, ebenso wie eine Vorrichtung für die rituelle Waschung. Auch von einer Kanzel, die im Arabischen als Minbar bezeichnet wird, fehlt dort jede Spur.

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„Das Alevitentum versteht sich als eine Gemeinschaft, die im islamischen Kulturraum einen eigenen Glaubensinhalt entwickelt hat und zwar unabhängig vom Schiismus“, betont Hasan Budak. Den heutigen Islam mit seinen Fünf Säulen, die Scharia und den Dschihad lehnen die Aleviten ab. Humanismus, Nächstenliebe und der Mensch als höchstes Geschöpf des Universums sind ihm zufolge die Kernelemente der alevitischen Glaubensphilosophie. „Der Koran mit seinen politischen und damit weltgestaltenden Vorschriften, spielen für uns keine Rolle. Wir praktizieren unseren Glauben ohne jeden Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Religionen“, formuliert er spitz.

Im Alevitentum werde der Koran nicht wörtlich ausgelegt. „Vielmehr suchen die Gläubigen die Bedeutung hinter den Offenbarungen“, wie Talip Can, ein weiteres Mitglied, bestätigt. Darüber hinaus beten Aleviten nicht in Moscheen. Männer und Frauen sind gleichberechtigt und kommen zum Gottesdienst in Versammlungshäusern zusammen, die Cem genannt werden. „Unsere Gebets- und Andachtsformen unterscheiden sich deutlich von den religiösen Praktiken der Muslime“, betont Can. Religiöse Inhalte werden so in Liedern, Gedichten und Tänzen zelebriert und weitergegeben.

Die grundlegenden Unterschiede zwischen Aleviten und Sunniten, so erzählt der Kirchheimer, boten seit der osmanischen Zeit immer wieder Anlass zur Unterdrückung und Verfolgung der alevitischen Glaubensanhänger. Als Beispiel für die Gräueltaten, die an seinen Glaubensbrüdern und -schwestern verübt wurden, nennt er das Massaker von Dersim im Jahr 1938: „Die türkische Armee hat damals Zigtausend Aleviten in der Provinz Tunceli ermordet.“

Auch in der jüngeren Geschichte der Türkei ist es laut Hasan Budak beispielsweise 1978 in den Städten Corum und Kahramanmaras zu Pogromen gegen Anhänger der Glaubenslehre gekommen. In der zentralanatolischen Provinzhauptstadt Sivas wurde ihm zufolge 1993 ein Brandanschlag auf ein alevitisches Kulturfestival verübt bei dem 37 Menschen starben. Angesichts dessen verwundert es die Mitglieder des Kirchheimer Vereins nicht, dass etwa 95 Prozent der in Deutschland lebenden Aleviten aus der Türkei stammen. Ein Mitglied, Didem Gürbüz, erklärt: „In der Bundesrepublik gibt es Demokratie und Religionsfreiheit. Hier können wir unseren Glauben frei leben und werden dafür nicht verfolgt.“

Seit 2014 in Kirchheim

Abbas Gül, der Geistliche im Kirchheimer Cem-Haus berichtet, dass der türkische Staat noch immer die Existenz der etwa 25 Millionen Aleviten leugnet und behauptet, dass die gesamte Bevölkerung islamisch ist. „All jene von uns, die in der Türkei leben werden damit automatisch sunnitisiert und verpflichtet, ihre Glaubenspraxis entsprechend anzupassen.“ Die Aleviten wollen von der Öffentlichkeit als Aleviten und nicht als liberale Muslime angesehen werden. Da sind sich die Kirchheimer einig.

2014 wurde das Alevitische Kulturzentrum in der Stadt gegründet. Die Gemeinde setzt sich selbst den Anspruch, nachhaltig für die Förderung des interreligiösen Dialogs einzustehen. „Das friedliche, gleichberechtigte Miteinander aller Religionen in Deutschland ist uns ein zentrales Anliegen“, betont der Geistliche Abbas Gül. „Wir lehnen jede Form von Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, Extremismus sowie Terror und Gewalt entschieden ab.“