Lokale Kultur

Grandioser „Startschuss“

Paolo Oreni eröffnete die Feiern zum einhundertjährigen Bestehen der Kirche Sankt Ulrich

Kirchheim. In diesem Jahr kann die katholische Kirche Sankt Ulrich in Kirchheim ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Mit dem Gastspiel des italienischen Orgelvirtuosen Paolo Oreni gelang ein fulminanter musikalischer Auftakt.

FLORIAN STEGMAIER

Paolo Orenis Interpretation der Mozartschen f-Moll Fantasie KV 608 schlug die Hörer sofort in ihren Bann. Von dem mit dramatisch-heroischem Impetus anpackenden Themenkopf über das durch zwei Fugen allerhöchster Meisterschaft umrahmte innige Andante bis zum letzten Ton, wusste der aus Treviglio stammende italienische Künstler sein zahlreich erschienenes Publikum in Atem zu halten.

Eine Besonderheit des Konzerts war die visuelle Übertragung des Geschehens von der Orgelempore in den Altarraum, sodass die Besucher zudem in den Genuss kamen, das nicht nur mit stupender Technik und traumwandlerischer Präzision daherkommende, sondern auch äußerst harmonisch und elegant anmutende Spiel des Organisten in Augenschein nehmen zu können. Die den Blicken meist verborgene Empore geriet so zur großen Konzertbühne. Eine Situation, die Paolo Oreni, der sich seiner telegenen Qualitäten wohl bewusst war und sie daher auch kalkuliert und effektvoll zu nutzen wusste.

Einen Superlativ spätbarocker Orgelkunst stellen zweifellos die Bachschen Triosonaten dar. Das dort vom Künstler verlangte Ideal einer vollkommen voneinander unabhängigen Führung der Stimmen, ohne dabei den organischen Zusammenhang der Komposition aus dem Blick zu verlieren, wurde in Paolo Orenis Deutung der d-Moll-Sonate BWV 527 in geradezu vollkommener Weise verwirk­licht.

Franz Liszts „Fantasie und Fuge über B.A.C.H.“ brachte Paolo Oreni in einer Bearbeitung seines ehemaligen Lehrers Jean Guillou zu Gehör, die ihrer Tendenz nach auf die Dualität von freier und kontrapunktischer Form zugunsten eines übergeordneten Zusammenhangs verzichtet. Ob das über manch schwache Stelle des Werks per se hinweghilft, sei einmal dahingestellt. In Anbetracht der Begeisterung und des Schwungs, mit dem Paolo Oreni in der freien Geste des großen Klaviervirtuosen diesem „Brocken“ der romantischen Orgelliteratur zu Leibe rückte, kamen solch kritischen Gedanken jedoch gar nicht erst auf.

Vielleicht wurde aufgrund der Kameraübertragung auch manch erfahrenem Konzertgänger zum ersten Mal bewusst, welch intensiven Körpereinsatzes es bedarf, die dem Thema entrungenen chromatischen Harmoniefolgen und verminderten Septakkorde zu den mächtigen Klangblöcken zu schichten, die für dieses Werk so typisch sind. Die Pianissimo-Episode, die Franz Liszt als retardierendes Moment in die Schlusssteigerung einbaut, ließ Paolo Oreni Kraft seines fabelhaften interpretatorischen Zugriffs in einer geradezu mystischen Beleuchtung erscheinen - das Bach-Thema taucht ein letztes Mal verklärend auf – bevor gewaltige Fortissimo-Akkorde das in vielerlei Hinsicht gewichtige Werk beschließen.

Zum Ende des offiziellen Programmteils zauberte Paolo Oreni eine gut fünfzehnminütige Improvisation über zwei vom Publikum gegebene Themen. „Lobet den Herren“ und „Es sungen drei Engel“ wurden nicht zuletzt mit beeindruckender Pedaltechnik intelligent, geschmackvoll und unterhaltend miteinander verwoben, wobei der virtuose Künstler vom zweiten Lied ein auftaktiges Moment ableitete, das die Improvisation über weite Teile tänzerisch durchzog.

Seinem begeisterten Publikum in der Kirche Sankt Ulrich, das im Laufe des begeisternden Konzerts zu einer regelrechten Fangemeinde mutierte, gab Paolo Oreni neben Bachs „Badinerie“ und der „Sinfonia“ aus Kantate Nr. 29 noch eine – wie er es ankündigte – „kleine Überraschung“ mit auf den Weg: eine Improvisation über die deutsche Nationalhymne, bekanntlich ein Thema aus der Feder Joseph Haydns.

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