Lokale Kultur

Großartige Live-Acts aus der „Gründerzeit“

Beat-Legende „The Rattles“ und Alt-Glamrocker „The Sweet“ sorgen für ausverkauften Rollschuhplatz

Kirchheim. Zum vierzigjährigen Bestehen des Kirchheimer club bastion gaben sich zwei großartige Live-Acts aus der „Gründerzeit“ die Ehre und sorgten am Freitagabend für einen ausverkauften Rollschuhplatz in Kirchheims Mitte: „The Sweet“ aus London und die Beat-Legende aus Hamburg, „The Rattles“. „The Beat

Heinz Böhler

goes on“, sangen Sonny & Cher in den wilden Sechzigern. Die Rattles machen’s kürzer: „Say Yeah!“ heißen die aktuelle CD, die laufende Tour und das Motto von Dicky Tarrach, Herbert Hildebrandt, Manne Kraski und Eggert Johannsen, der damals laut Herbert Hildebrandt noch bei der Konkurrenz „The Giants“ gespielt habe und „heute Gott sei Dank bei uns mitmischt“.

Dass allzu viele Reden nicht ihr Ding sind, machen die vier Hamburger seit nahezu fünf Jahrzehnten immer wieder in ihren Texten klar, wo die Zeile „Lalala“ eine dominierende Stellung einnimmt. Vor allem die alten Songs, wie „Come on and sing“ und „Stopping in Las Vegas“ seien an dieser Stelle als Beispiel genannt. „Mashed Potato“ und „Zipadoodah“ geben Beispiele dafür ab, dass sich die Sangeskunst des damaligen Ober-Rattle Achim Reichel erst mit den Jahren nach seinem Ausscheiden entwickelt hat. Dafür und für spätere Stücke, wie „After Tea“ oder das 1969 erschienene „The Witch“ (Hildebrandt: „Der Song verfolgt uns bis heute!“) steht heute Eggert Johannsen am Mikroständer und bewältigt Höhen, die dem strammen Mannsbild auf den ersten Blick keiner zutraut.

Coole Sonnenbrillen auf den Nasen der Akteure sind an einem wunderschönen Sommertag nichts als der einzige wirksame Schutz gegen die der Bühne gegenüber nur langsam untergehende Abendsonne. Doch trotz der relativ frühen Stunde schafften es die in den spät-Achtzigern von Dicky Tarrach wieder zusammengetrommelten Altrocker, die großzügig bemessene Tanzfläche vor der Bühne des Rollschuhplatzes innerhalb weniger Minuten zu füllen und nach eineinhalb Stunden „Yeah“ und Rock‘n’Roll ein begeistertes Pub­likum zurückzulassen.

Nach der Pause freute sich der bereits bewährte Moderator und ausgewiesene Lokalpatriot Andreas „Anne“ Kenner, auch die Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker unter den Festival-Besuchern begrüßen zu können und bedankte sich auf seine charmant-rauhe Art für die in diesem Jahr zum ersten Mal von der Stadt Kirchheim zur Verfügung gestellte finanzielle Unterstützung des Festivals: „Endlich hends die do oba gmerkt, dass die Art von Kuldur au wichtig isch. – Ond jetzt schlägt bei ons dr „Ballroom Blitz“ ei.“

Allerdings begann der Rest des ersten Abends des Jubiläumsfestivals mit einer „Leiche“: „Is there a doctor in the house?“, hatte „Sweet“-Gitarrist Andy Scott noch um Reanimationshilfe „for a dead keyboard“ gebeten. Als sich niemand meldete, wurde der „Patient“ kurzerhand abgetragen und Steve Grant, der Erfinder der Vokuhila-Frisuren (vorne kurz, hinten lang), musste sich für den Rest des Kirchheimer Konzerts mit einem E-Piano und seiner Akustik-Gitarre begnügen. Was sollte es? – der Rollschuhplatz war randvoll mit Fans, die Stimmung nach wenigen Stücken am Siedepunkt und „The Sweet“ beschworen von der Bühne herab die Hölle: „Hell Raiser“ als Grabgesang für ein Keyboard. Nach Chinn/Chapmans Geschichte von den „Six Teens“ kam was nun mal abzuarbeiten war, nämlich die ganze Latte früher Hits in Form eines Medleys: „Poppa rumbo rumbo hey poppa joe coconut“ und „Ho-chi-ka-ka-ho, co-co“ jubelte es aus den Lautsprechern und Pete Lincoln, der neben dem tiefen Viersaiter auch die Rolle des Frontman übernommen hat, ließ die Erinnerung an Brian Conolly wachwerden, jenen blonden, seinerzeit von europas Zahnspangengeschwadern angehimmelten Engel auf Hochplateausohlen.

„Ohne Brian und Mick wäre ich heute gar nicht hier“, erinnerte der einzig verbliebene Original-„Süße“ Andy Scott an die beiden verstorbenen Gründungsmitglieder Connolly und Mick Tucker. Doch auch mit den neuen Leuten (am Schlagzeug der aktuellen Formation sitzt seit 17 Jahren Bruce Bisland) kommen Kinderreimchen, wie „Funny, Funny“ (auf „honey-honey“) oder „Wigwam Bam“ fast originalgetreu ’rüber. Okay, was die Optik betrifft, wäre auch der Maskenbildner von Freddy Krueger überfordert, aber sonst . . . Wer damals Fan war, ist es geblieben, wer nicht, konnte sich mit den etwas rockigeren Sweet-Hits, wie eben jener „Ballroom Blitz“ oder „Teenage Rampage“ trösten. Am Ende der Show geriet das „echte Zuckerl“ der Glam-Rocker von der Insel zum Dauerbrenner, in dem jeder der vier Akteure seinen Solo-Part bekam und indem sich die Nachfolger der einstigen Teenie-Idole als gediegene Rockband präsentierten. Alles in allem bot der erste Tag des Rollschuhplatz-Festivals eine Retrospektive in die Kinderzimmer-Träume zweier Generationen, die möglicherweise schon die pubertierenden Enkel mit auf den Rollschuhplatz genommen hatten.

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