Lokale Kultur

Große Erfolge dank schlechter Laune

Humor-Haudegen Richard Rogler sorgte in der Kirchheimer Stadthalle programmgemäß für „Stimmung“

Humor-Haudegen Richard Rogler hat ein weiches Herz für Familienministerin Kristine Schröder.Foto: Gerald Prießnitz
Humor-Haudegen Richard Rogler hat ein weiches Herz für Familienministerin Kristine Schröder.Foto: Gerald Prießnitz

Kirchheim. Wenn jemand ganz in Schwarz daherkommt, ist es entweder ein Architekt oder der Kabarettist Richard Rogler. Mit den schrillen und bunten Comedians der vorwiegend politikfreien kabarettistischen Nachfolgegeneration hat er nicht viel gemein. Der altgediente Humor-Haudegen hat aber nach wie vor eine treue Fangemeinde, von der er bei seinem jüngsten Auftritt in der Kirchheimer Stadthalle herzlich willkommen geheißen wurde.

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Die Bombenstimmung freute ihn, aber er machte darauf aufmerksam, dass er bislang ja auch noch nichts gesagt habe. Dass politisches Kabarett kein Publikum mehr hat und er daher auch völlig auf jede Politik verzichten werde, lautete seine Drohung, die er natürlich sofort ad absurdum führte. Auch wenn er sie ja eigentlich nie erwähnen wollte, spielte die Kanzlerin der Mitte eine zentrale Rolle.

Als eines seiner wichtigsten Ziele erklärte er vorab die Pause, die er in einer Stunde erreichen wolle, um allen bei Bedarf die faire Chance für einen geordneten Rückzug zu gewähren. Immerhin habe er rund 50 DIN-A-4-Seiten Text parat, die dem Pu­blikum die noch gute Stimmung verhageln könnte. „Stimmung“ lautet der Titel seines nach Kirchheim mitgebrachten Programms. Der grantelnde und mit allem und jedem unzufriedene Kritiker seiner Zeit und der aktuellen Tagespolitik im Besonderen sorgte dann aber wieder einmal mehr für gewohnt anspruchsvolles kurzweiliges Vergnügen mit seinen unverzichtbaren politischen Lieblingsfeinden und vielen Ausflügen in die vielen anderen Niederungen des Lebens.

Dass der Deutsche vor allem dann zu Hochform aufläuft, wenn er schlechte Laune hat, zeigte sich die schwarz gekleidete „Stimmungskanone“ überzeugt, die sich zu Beginn vor allem auf die ja einen Widerspruch in sich selbst darstellende Spezies „gut gelaunte Deutsche“ konzentrierte. Dass Nicolaus August Otto den nach ihm benannten Otto-Motor erfand, lag Rogler zufolge daran, dass er sich über die mit Tierexkrementen versauten Straßen ärgerte. Nur dem ständigen Ärger mit dem unbekömmlichen Kaffeesatz sei zu verdanken, dass Melitta Bentz mit Filter und Papier einst die Kaffeezubereitung revolutionierte, und Beethoven habe seine besten Musikstücke bekanntlich ja auch erst schreiben können, als er unter Depressionen litt und nichts mehr hörte.

Da Richard Rogler angeblich schon seine eigenen Landsleute nicht versteht, hat er eigentlich keine Lust, in ferne Länder zu reisen. Dass seine geliebten Mitmenschen mindestens fünf Mal im Jahr vereisen, macht ihm grundsätzlich nichts aus. Ihn ärgert eigentlich nur, dass sie wieder zurückkommen - und sich dann auch noch unangemessen mediterran verhalten. Schon bei den ersten Sonnenstrahlen im Freien herumzusitzen, passe nun einmal nicht zum Deutschen. Der sitze schließlich grundsätzlich drinnen, habe schlechte Laune und freue sich bei kaltem Bier auf den nächsten Urlaub, in dem er die Hitze nicht verträgt und kaum erwarten kann, endlich wieder drinnen sitzen zu können.

Dass niemand im Publikum in absehbarer Zeit vorhat, nach Griechenland zu reisen, gab ihm zu denken, denn hier wäre schon etwas mehr Solidarität zu erwarten. Ohne die Kneipen der in Deutschland angesiedelten „Griechen“ wäre es hierzulande schließlich nie zur Gründung des ersten Ortsvereins der Grünen gekommen. Kein anderer Wirt hätte damals schließlich langhaarigen strickenden Männern in lila Latzhosen und stillenden Frauen das Hinterzimmer überlassen.

Die Affäre Wulff war für ihn eigentlich kein Thema, wenn man einmal vom Tattoo seiner Frau absieht, das sie bei Staatsbesuchen der ganzen Welt gezeigt habe. Die Neiddebatte um zu zahlenden Sold und nachzureichende Ehre hatte ihn vielmehr erinnert, wer da alles finanziell noch durchgefüttert werde. Walter Scheel etwa nur dafür, dass er einmal „Hoch auf dem gelben Wagen“ gesungen habe oder Bruder Johannes Rau, der immer Brücken bauen wollte, die teilweise noch heute ohne Verbindungsstraße in der Landschaft herumstehen.

Im Blick auf Wulff-Nachfolger Gauck fragt Rogler sich insgeheim, ob die in der DDR eigentlich nur Pfarrer hatten und das, wo dort doch das Christentum etwa so intensiv verbreitet war wie in Kabul. Der Dauerkritiker hat offensichtlich aber auch ein weiches Herz. Dass Familienministerin Kristine Schröder schon im zarten Alter von 14 Jahren eine begeisterte Anhängerin von Bimbes-Kanzler Kohl war, schmerzt ihn geradezu und er fragt sich gequält, wo denn das Jugendamt bleibt, wenn junge Menschen auf Abwege geraten.

Dass es heutzutage gar nicht mehr möglich sein soll, mit Anstand alt zu werden, bereitet ihm ebenfalls Kopfschmerzen. Seinem 82-jährigen Bekannten, der immer in Turnschuhen ohne Schnürsenkel herumlaufe, fehle nur noch ein mitgetragener Basketball, um das Zerrbild perfekt zu machen. Die tiefer gelegten Hosen, mit denen er gleichzeitig den Gehweg reinigt, habe er ja schon.

Der studierte Lehramts-Sportler und Romanist kann auch dem grassierenden Wellness- und Wohlfühl-Hype nichts abgewinnen. Überhaupt kein Verständnis hat der Pragmatiker dafür, dass Menschen heute bereit sind, 1 500 Euro auf den Tisch zu blättern, um bei einer Ayurveda-Woche ein paar heiße Öltröpfchen abzubekommen. Dafür habe er sich früher am Wochenende einfach unter sein zu wartendes Auto gelegt.

Erfreulich pragmatisch gestaltet der Grimme-Preisträger auch seinen souveränen Abgang. In voller Fahrt kündigte er völlig überraschend gleich die Zugabe und damit das bevorstehende Ende an. Eines gab er dem Publikum doch noch mit auf den Weg und berief sich dabei auf die Weisheit des von ihm hoch geschätzten Apachen-Häuptlings Pierre Brice: „Wenn das Pferd, das du reitest, tot ist, solltest du absteigen . . .“