Lokale Kultur

Große Freude bei Kirchenmusikern über wiederentdecktes Meisterwerk

OBERBOIHINGEN Ein Stabat Mater in der Osterzeit starker Tobak für Leute, die mit dem Kirchenjahr leben. Trotzdem war die Kirche voll in Oberboihingen, wo der rühri-

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ERNST LEUZE

ge Organist Eberhard Klotz es wagte, im Rahmen seiner monatlichen "Stunden der Kirchenmusik" das Karfreitagsstück par excellence aufs Programm zu setzen.

Am Komponisten kann es nicht gelegen haben, dass die Besucher aus weitem Umkreis herbeiströmten. Nicht einmal die Lexika kennen Carl Joseph Rodewald. Eher denkt man doch bei diesem Namen an das längste Dorf Deutschlands. Und wer käme noch des mittelalterlich-lateinischen Textes wegen? Er ist doch unseren religiösen Vorstellungen inzwischen Lichtjahre entfernt. Die Musik selbst, aber mehr noch die ungewöhnlichen Umstände ihrer Wiederentdeckung und last not least ihre wagemutigen Interpreten hatten das Interesse geweckt.

In einem Stuttgarter Antiquariat stöberte unlängst der umtriebige Nagolder Pianist Klaus Melber die Originalpartitur aus dem Jahr 1785 auf. Obwohl es für seine Zeit recht altmodisch war, machte das Stück Karriere. Das spricht für seine kompositorische Qualität. Aber wie die allermeiste Musik der Komponistengeneration zwischen Bach und Mozart geriet auch Rodewalds Stabat Mater gründlich in Vergessenheit.

Wird nun mit der Aufführung in Oberboihingen und zuvor in Nagold das Werk den Weg ins Repertoire wieder zurückfinden, oder waren die Besucher nur Zeugen eines erfolglosen Wiederbelebungsversuches? Heute lässt sich nur so viel sagen, dass die Musik es unbedingt wert ist, wieder aufgeführt zu werden und dass die Chancen dazu gar nicht so schlecht sind. Denn sie ist technisch nicht schwer und vor allem dank des Oberboihinger Organisten in einer Fassung vorhanden (Klavier statt Orchester) die praktikabel und erschwinglich ist für Gottesdienst und Konzert.

Früher hätten ja sittenstrenge Musiker die Nase gerümpft beim Gedanken an eine Bearbeitung. Heute denken sie anders; unter Geldmangel sind schon ganz andere Ideologien wie Butter in der Sonne dahingeschmolzen. Wer im Konzert den Klotzschen Klavierauszug gehört hat, wird das Orchester kaum vermisst haben. Kongenial hat der Bearbeiter den Orchestersatz zu einem stilreinen und instrumentengerechten Klavierauszug umgeformt.

Für einen Steinway allerdings, wie er in Oberboihingen benutzt wurde, ist der grazile Klaviersatz geradezu Gift. Keine vollgriffigen Akkorde, keine Arpeggien und Girlanden, nein, pure Dünnstimmigkeit im Stil von Mozart und Haydn, ideal nur für einen Hammerflügel. Der war in Oberboihingen schon gestimmt worden, aber der Pianist Klaus Melber bekam Angst vor der eigenen Courage und verlangte des moderne Instrument.

Diese Entscheidung ist verständlich im Hinblick auf die Sängerinnen Jeannette Bühler und Claudia Wehrstein. Hätten sie doch ihren Gesangsstil radikal auf die empfindsam leise Musik des Hammerflügels umstellen müssen. Der in historischer Aufführungspraxis offensichtlich erfahreneren Claudia Wehrstein wäre das womöglich auch gelungen.

Im Zusammensingen mit Jeannette Bühler jedoch lauerte zu viel Risiko, denn die international erfolgreiche Sopranistin hatte leider nicht ihren besten Tag erwischt: Sowohl mit der Höhe (in der Bruchlage) als auch mit den leisen Tönen hatte sie hörbar zu kämpfen. Umso bewundernswerter das unglaublich sensible Zusammensingen der beiden. Das war eine mehr als rühmliche Ausnahme bei einem Sopranduett.

Klaus Melber, der mit allen Wassern gewaschene Klavierbegleiter, hatte den undankbaren Part. Eigentlich konnte er es nur falsch machen: Gab er dem Flügel die Sporen, versündigte er sich an der Musik, wollte er wie auf einem Hammerklavier zirpen, musste er den Kontakt zu den Singstimmen verlieren. Der ist nur über die Obertöne möglich, diese aber ziehen sich beim modernen Instrument bekanntlich zurück, wenn leise gespielt wird. Auch mit Virtuosität war rein gar nichts zu gewinnen. Rodewalds Musik ist halt nicht donnernd dramatisch (wie auch bei einem Stabat Mater), sondern lyrisch und empfindsam. Virtuosität läuft da ins Leere. Was im Original nicht vorhanden ist, kann auch der geschickteste Bearbeiter nicht dazuzaubern.

Eberhard Klotz hat das wohlweislich erst gar nicht versucht. Eines kann dem Veranstalter und den Interpreten niemand nehmen: Sie haben sich einer überaus heiklen Aufgabe gestellt und das Werk der Vergessenheit entrissen. Nun sind die Spezialisten gefordert mit Orchester auf Originalinstrumenten, Hammerflügel, Orgel auch, sowie spätbarockem-frühklassischem Gesangsstil. So könnte am ehesten aus dem Konzertstück spirituell ergreifende Kunst werden, ein Stabat Mater, das jenseits aller Rezeptionsschemata uns Wesentliches zu sagen hätte.

Dank Eberhard Klotzens Bearbeitungskunst eröffnet sich eine weitere Chance. Das in der Bartholomäuskirche von Oberboihingen präsentierte Stabat Mater von Carl Joseph Rodewald ist prädestiniert für die Kirchenmusik. Dort, in liturgischem Rahmen, mag es seinen Platz finden, weltweit, ohne jeden stilistischen Vorbehalt.