Lokale Wirtschaft

"Hätte gerne noch weitergemacht aber es rechnet sich nicht mehr"

Die Geschichte eines Kirchheimer Traditionsunternehmens endet zum 31. März: Am Freitag schließt Dietmar Hoyler zum letzten Mal den Verkaufsraum seiner Tankstelle an der Ecke Hindenburgstraße / Limburgstraße ab: Mehr als 42 Jahre lang war er ein Tankwart mit Leib und Seele.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Hallo Peter, ... oisazwanzig, ... i dank' dr" so ungefähr dürften Hunderttausende von Verkaufsgesprächen abgelaufen sein, seit Dietmar Hoyler am 4. Dezember 1963 seine Tankstelle eröffnet hat. Namen und Summen haben eher variiert als das persönliche "Du", mit dem er seine unzähligen Stammkunden stets bedacht hat. Ohnehin umschreibt das Wort "Kundschaft" im Falle Dietmar Hoylers nur unzutreffend die Menschen, die ihn regelmäßig in seiner Welt in der Tankstelle aufsuchten: "Das war wie in einer großen Familie", sagt er rückblickend. "Die bedauern es alle so wie ich, dass ich jetzt aufhören muss."

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Eines ist für Dietmar Hoyler in diesen Tagen besonders wichtig: "Nicht ich schließe die Tankstelle", betont er. "Ich hätte gerne noch sechs bis acht Jahre weitergemacht." Dazu müsste er aber Umweltschutzauflagen erfüllen, die von ihm Investitionen in sechsstelliger Höhe erfordern würden. Und um eine gewinnbringende Investition würde es sich dabei keineswegs handeln: Auch wenn er allen Auflagen nachkommen könnte, würde er dadurch keinen einzigen Cent zusätzlich verdienen.

Was die Umweltschutzauflagen konkret fordern, sind beispielsweise Maßnahmen zur Bodenbefestigung. "Da geht es um die Dichtheit der Fahrbahn, da darf nichts durchsickern", erzählt Hoyler. Außerdem müsste er die Tankeinfüllschächte sanieren und in den Benzinabscheider für die Waschanlage ebenso investieren wie in die Wasseraufbereitungsanlage. Für den selbstständigen Geschäftsmann ist die Situationsanalyse klar und eindeutig: "Das ist der Grund, warum ich nach über 42 Jahren den Betrieb aufgebe weil sich's nicht mehr rechnet."

Begonnen hat Dietmar Hoyler mit 21 Jahren. Ein Mineralölunternehmen verpachtete die Tankstelle. Unter 30 Bewerbern hatte sich der gelernte Kfz-Mechaniker durchsetzen können. "Früher gab es zwei Zapfstellen, heute sind es 16", erinnert Dietmar Hoyler an die Entwicklung seines Gewerbes in den vergangenen vier Jahrzehnten. Anfangs hat er die Autofahrer nach allen Regeln der Kunst bedient. Das eigentliche Tanken war nur ein kleiner Teil dessen, was zum Service gehörte: "Ich habe die Scheiben geputzt, Luft und Öl überprüft, die Türe aufgehalten und eine gute Fahrt gewünscht." 1974 hat er dann auf Selbstbedienung umgestellt, ganz dem Trend der Zeit entsprechend.

Noch ein anderer Trend begann in dieser Zeit mit der Ölkrise Anfang der 70er-Jahre: die Schwankungen der Kraftstoffpreise. "Als ich angefangen habe, hat der Liter Benzin 58 Pfennig gekostet, Super 65 Pfennig und Diesel 49 Pfennig. Und das waren immer glatte Preise, nicht Komma neun." Zehn Jahre lang seien diese Preise nicht groß geändert worden, weshalb Dietmar Hoyler sie noch immer aufzählen kann wie das Einmaleins. Bis heute unvergessen ist bei vielen Kirchheimern die Aktion vom Dezember 1988, als die Hindenburgstraße stundenlang blockiert war: Hoyler feierte sein Jubiläum unter dem Motto "Tanken wie vor 25 Jahren" und verkaufte den Sprit zu den oben genannten Preisen.

1980 bereits war aus dem Kirchheimer Tankstellenpächter der Besitzer einer freien Tankstelle geworden, nachdem er dem Mineralölunternehmen Gebäude und Anlagen abgekauft hatte. Dadurch, dass er preislich nicht mehr an einen Konzern gebunden war, konnte er die Preise maßgeblich beeinflussen. Im Konkurrenzkampf war das ein entscheidender Vorteil, wodurch er sich auf dem Markt halten konnte: "1963 hat Kirchheim 48 Tankstellen gehabt. Im Lauf der Zeit ist diese Zahl auf elf zusammengeschrumpft."

Sehr eng wurde es für Dietmar Hoyler im "rabenschwarzen Jahr" 2000: "Da haben die großen Unternehmen einen Preiskampf mit den freien Tankstellen ausgefochten. Die haben unter dem Einkaufspreis verkauft. Vom 13. März bis zum 16. August hat das gedauert. Unzählige Stationen haben deshalb schließen müssen. Ich bin gerade noch mal mit einem blauen Auge davongekommen." Besonders hat sich in dieser Phase Hoylers "Großfamilie" bewährt. "Meine Kunden sind trotzdem bei mir geblieben und haben zu mir gehalten. Das war das Größte", erinnert er sich voller Dankbarkeit.

Unterstützt haben ihn seine Kunden auch im Rahmen der Teckboten-Weihnachtsaktion. Ein Vierteljahrhundert lang hat Dietmar Hoyler während der Aktionszeit die Einnahmen aus der Autowäsche ohne Abzug an den Verein "Gemeinsam für eine gute Sache" weitergeleitet. Abermals verweist er auf seine "Familie": "Das konnte ich nur mit meinen Kunden machen. Die haben ihren Wagen auch mal gewaschen, ohne dass es wirklich fällig war."

Dietmar Hoyler, der über viele Jahre hinweg auch eine Autovermietung betrieben und als Mazda-Vertragshändler fungiert hat, wird zurzeit von allen Seiten gefragt, was er denn ohne seine Tankstelle machen werde. Er weiß es selbst nicht so ganz genau, will sich aber verstärkt seinem kommunalpolitischen Engagement und seiner Arbeit im Verein der Freunde und Förderer der historischen Feuerwehrtechnik widmen. Zunächst einmal betreut er seine Kundschaft noch zwei Tage lang in gewohnt zuverlässiger Weise, bis er morgen Abend seinen Laden schließt.

Vom Waschhaus und von der Überdachung abgesehen, ist die Tankstelle noch im Originalzustand von 1963. Jetzt soll sie bis zum Jahresende abgerissen werden und einer Wohn- und Geschäftsbebauung weichen. Was bleibt, ist die Erinnerung. Ein besonders handfestes Erinnerungsstück will Dietmar Hoyler aufbewahren für die Zeit danach: "Ich schraube den Türgriff ab. Der ist auch noch original von 1963."