Lokale Kultur

Handelsübliche Kartons als Kunst

Im Kirchheimer Kornhaus sind Werke von Günther Titz zu sehen

Günther Titz aus Reichenbach verwendet Kartons für seine Arbeiten. Foto: Genio Silviani
Günther Titz aus Reichenbach verwendet Kartons für seine Arbeiten. Foto: Genio Silviani

Kirchheim. Im Galerieraum bietet sich ein klares, angenehm nüchternes Bild. Exakte Setzungen horizontaler Farbbänder durchziehen die Arbeiten von Günther Titz. Deren

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proportionales Kalkül wiederum nimmt Einfluss auf die Hängung und verklammert die einzelnen Positionen der Werkschau zu einem ausdifferenzierten Organismus, der die ästhetische Wahrnehmung des Betrachters gleichermaßen anspricht, wie er sie herauszufordern scheint.

In den 1990er-Jahren absolvierte der in Reichenbach an der Fils lebende Künstler das interdisziplinäre Studium an der Freien Hochschule des Kunstseminars Metzingen. Seither kann er auf zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland wie im europäischen Ausland zurückblicken. Unlängst wurde Günther Titz für den renommierten Daniel-Henry-Kahnweiler-Preis nominiert. Unter dem Ausstellungstitel „Invisible Layers“ gibt er nun im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus Einblicke in sein aktuelles malerisches und zeichnerisches Schaffen.

Im Rahmen seiner Einführung machte Kunstkritiker Professor Dr. Johannes Meinhardt deutlich, dass Günther Titz sich in seiner Arbeit dem vermeintlich grundlegenden künstlerischen Prinzip der Komposition entzieht. Er geht also nicht von einer leeren Bildfläche aus, auf der kompositionelle Entscheidungen gefällt werden, sondern verwendet als Grundflächen handelsübliche Kartons, deren Abmessungen, Proportionen und Beschriftungen es sind, welche die entscheidenden Bildparameter festlegen.

Dort, wo sich auf dem Karton Zahlenreihungen oder Schrift befindet, überdeckt Günther Titz diese Zeichenfolgen mit einem waagrecht durchlaufenden Farbband. Die unterschiedlichen Höhen dieser charakteristischen Bänder sind somit keinen ästhetischen Überlegungen geschuldet, sie resultieren einzig aus der jeweiligen Schrift-Platzierung des Kartons. Meinhardt wies auf die besondere Rolle hin, welche die Zufälligkeit der Positionen solcher Aufdrucke gerade in den neuesten Arbeiten spielt, in denen Titz alle sechs Seiten des Kartons übereinandergelegt, zentral ausgerichtet und auf eine gemeinsame Fläche projiziert hat. Aus der zweidimensionalen Bildebene heraus spiegeln Farbe und Lage der durchlaufenden Bänder ebenso räumliche Parameter wider, wie die mit Glanz- und Klarlack unterschiedlich beschaffenen Oberflächen den Größen der zusammengelegten Seitenteile entsprechen. Einsichten in ein solch komplex-verdichtendes Vorgehen werden dadurch möglich, dass der Künstler einzelne Farbaufträge immer wieder partiell abschleift und so das geschichtete Profil des Bildes freilegt.

Offenbar findet in diesen Werken ein Transfer statt: „Außerkünstlerische“ Kriterien der Funktionalität, der Produktionslogik und technischen Rationalität erweisen sich als künstlerisch bildstiftend und dringen in die Wahrnehmung ein. Wie Johannes Meinhardt abschließend feststellte, wird so „die ästhetische Geschlossenheit der Bildfläche immer wieder irritiert, indem die Kontingenz und Materialität der Ausgangsmaterialien und Prozesse, welche die ästhetisch wahrgenommene Bildfläche hervorgebracht haben, nicht ausgeblendet werden kann, sondern sich hartnäckig im Blick behauptet.“

Die Ausstellung „Invisible Layers – Malerei und Zeichnung“ mit Arbeiten von Günther Titz ist noch bis einschließlich Sonntag, 9. Februar, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen.