Junge Zeitung

Handy-Krieg der Generationen

Smartphone ja oder nein? Eine Praktikantin und eine Redakteurin liefern sich einen Schlagabtausch

In der Redaktion des Teckboten steht die Welt Kopf: Während die 18-jährige Teckboten-Praktikantin Linda Heimisch auf ihrem Uralt-Knochen SMS schreibt und Smartphones kategorisch ablehnt, kann Redakteurin Irene Strifler soviel Technologiefeindlichkeit überhaupt nicht verstehen. Die 48-Jährige kann sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen.

Linda Heimisch hält ihrem alten Nokia die Treue. Ein Smartphone kommt ihr nicht in die Tasche.Foto: Jean-Luc Jacques
Linda Heimisch hält ihrem alten Nokia die Treue. Ein Smartphone kommt ihr nicht in die Tasche.Foto: Jean-Luc Jacques

Mein Handy gibt mir oft das Gefühl, hinter der Zeit geblieben zu sein. Man sieht ihm schon auf den ersten Blick an, dass es ein Relikt aus den Anfangszeiten der mobilen Telekommunikation ist, denn es hat noch Tasten! Und auf seinem kleinen Bildschirm ist gerade einmal Platz für neun Symbole, die die Hauptfunktionen anzeigen. Ja, viel mehr als neun sind es nun mal nicht. Ich kann mit meinem Handy telefonieren und SMS schreiben, aber ob man es glaubt oder nicht, mir reicht das. Für Kommentare wie diesen ernte ich von Smartphone-Besitzern täglich amüsiertes Grinsen, zuweilen sogar Kopfschütteln.

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Aber ich frage mich, weshalb ich mich für den Besitz meines geschätzten Uralt-Handys eigentlich ständig rechtfertigen muss. Nein, ich kann damit nicht unterwegs im Netz surfen. Aber wenn ich in meinem Freundeskreis sehe, wie sehr die technischen Probleme des mobilen Internets stressen, vermisse ich das auch überhaupt nicht. Nervöse Suche nach W-LAN-Zugang kenne ich nicht, ebenso wenig wie minutenlanges Starren auf voranschleichende Wartebalken. Dass mein „Totschläger“ deshalb natürlich niemals WhatsApp bedienen könnte, geschweige denn irgendeine andere ach so nützliche Anwendung, empfinde ich auch eher als Erleichterung. Ich stelle es mir unglaublich stressig vor, alle zwei Minuten durch ein Summen suggeriert zu bekommen, in einer meiner 20

WhatsApp-Gruppen hätte sich etwas Wichtiges getan – um dann festzustellen, dass nur einem meiner Freunde langweilig ist und ich deshalb mit einer spamartigen Welle aus Fotomontagen und satirischen Cartoons beglückt werde, wovon man als WhatsApp-Nutzer wahrscheinlich zehnmal täglich Opfer wird. Außerdem frage ich mich insgeheim ja immer noch, was so lustig daran sein soll, mit einer spartanischen Schleuder Schweineköpfe abzuschießen, dass man sich stundenlang damit vergnügen kann. Bisher konnte mir noch keiner der vielen AngryBirds-Süchtigen eine zufrieden stellende Antwort darauf geben.

Überhaupt erscheint es mir nicht sonderlich „smart“, was viele Menschen mit ihren hochmodernen Phones so tun. Immer wieder beobachte ich, wie jemand auf sein Telefon starrend und wild darauf herum tippend durch die Fußgängerzone läuft oder gar eine Straße überquert. Und ich möchte wetten, dass immer WhatsApp im Spiel ist – wenn nicht, dann das mobile Facebook, das auf 99% der Geräte ja ebenfalls obligatorisch genutzt wird. Angesichts solcher Beobachtungen komme ich nie umhin, mich zu fragen, ob es eigentlich auch so etwas wie eine Sensor-App gibt, die den Anwender vor einer drohenden Kollision mit Passanten oder Autos warnt. Weniger gefährlich, aber genauso seltsam finde ich es, wenn Menschen auf Partys ihr Smartphone nicht aus der Hand legen und selbst auf der Tanzfläche ununterbrochen damit beschäftigt sind.

Natürlich lege ich auch Wert darauf, unterwegs erreichbar zu sein und auch für mich ist eine Freizeitplanung ohne moderne Kommunikationsmittel undenkbar. Allerdings empfinde ich es als ungeheuer entspannend, dafür auf meinem Handy nur ein einziges Kommunikationsmedium zu nutzen und zudem nicht bei jedem Klingeln mit einem multimedialen Ausdruck purer Sinnlosigkeit rechnen zu müssen. Wenn ich darauf Lust habe, durchstöbere ich 9GAG oder logge mich einfach in Facebook ein – daheim an meinem Rechner. Immer wieder teilen mir Freunde deshalb schmunzelnd mit, bei einem kleinen Briefumschlag auf ihrem Display wüssten sie sofort, dass ich geschrieben habe. Schließlich schreibe außer mir kaum noch jemand SMS.

Ob ich mir doch irgendwann einmal ein Smartphone anschaffen werde? Ich kann es mir nicht vorstellen. Schließlich sprechen auch ganz pragmatische Gründe für den Besitz eines Uralt-Handys, dessen Bildschirm vielleicht halb so groß wie der eines Smartphones ist und das natürlich nicht auf Berührungen und Bewegungen reagiert, dafür aber nicht so sperrig und gleichzeitig so unsäglich filigran ist wie die populären Minicomputer. Zufrieden konnte ich schon öfter feststellen, dass der Hersteller meines Handys (der übrigens dafür bekannt ist, noch so tolle „Totschläger“ wie meinen zu produzieren) nicht umsonst den Ruf hat, unzerstörbare Telefone herzustellen. Gut, dass der Boden kaputt geht, wenn ein Handy wie meines herunter fällt, stimmt leider nicht wirklich. Aber meinem Handy ist bei Stürzen tatsächlich noch nie etwas passiert. Ein Smartphone hätte in meinem Besitz bestenfalls schon einige Kratzer – für wahrscheinlicher halte ich es, dass es bereits in tausend Teile zersprungen wäre.LINDA HEIMISCH

Ich kann‘s nicht mehr hören, das ewige Lamento über den Verlust der guten alten Zeiten, als wir noch nicht von den neuen Medien „gegängelt“ und unser Alltag von Smartphones „diktiert“ wurden. Dass jetzt auch noch junge Leute in diesen Tenor einstimmen, macht mich sprachlos! He Leute, wer zwingt uns denn, unser Gehirn im Handy-Laden abzugeben und uns zum Sklaven der Technik zu machen? Niemand. Nicht die Technik ist das Problem, sondern der Mensch: Ihr selbst steht euch im Weg!

Wer sein Smartphone intelligent nutzt, dem offenbaren sich neue Welten. Mannomann, wie war das lästig früher, das Warten im Auto vor der Turnhalle aufs verschwitzte Kind oder im leeren Konferenzraum auf den Beginn einer Pressekonferenz. Alles Geschichte! Ein Griff in die Handtasche, und die Zeit kann sinnvoll genutzt werden: Was steht Neues im „Spiegel“, wie hat der VfB gespielt, wer hat den jüngsten Teckboten-Beitrag kommentiert? Statt Löcher in die Wand zu starren, im geparkten Auto Radiogedudel über mich ergehen zu lassen oder im Wartezimmer Promiklatsch zu konsumieren, kann ich mich immer und überall mit den Dingen befassen, die mich interessieren. Welch eine Freiheit!

Natürlich gibt es auch Zeitgenossen, die jeden Hirnfurz posten und einen via Facebook mit Cartoons, Filmchen und anderen Zeitfressern zumüllen. – Kein Problem, Smartphones sind demokratische Instrumente: Die genannten Pappenheimer hab ich längst unsichtbar geschaltet. Und wenn ich nicht gestört werden will, hilft mir zuverlässig die Lautlos-Taste, über die mein Smartphone ebenso verfügt wie schon mein erstes Handy in den 90er Jahren.

Am technischen Fortschritt führt nun mal nichts vorbei. Der Trick ist, ihn zu unseren Gunsten zu nutzen. Auch Automobile und später Flugzeuge waren der Menschheit anfangs suspekt. Hätten wir immer nur am Alten festgehalten, säßen wir heute noch im Lendenschurz in Höhlen.

Für die meisten Jungen gehört das Smartphone zur überlebenswichtigen Grundausstattung. – Für uns Eltern kann das durchaus von Vorteil sein. Unsere „WhatsApp“-Gruppe „family“ vernetzt uns miteinander gerade in der Intensität, die der Einzelne wünscht. Von SMS hat sich der Nachwuchs schon längst verabschiedet, denn die gehen ins Geld. Wie uncool wäre es, wenn ich meinen Sohn mit einem Uralt-Handy auf der Party anrufen müsste, um die oberpeinliche Frage zu stellen, wann er endlich heimzukommen gedenkt. Via Smartphone hingegen lässt sich so was ganz diskret abwickeln. Und mit ein bisschen Glück krieg ich auch gleich ein informatives Foto von der jeweiligen Party - natürlich verbunden mit der dringenden Bitte, die Ausgehfrist zu verlängern. Eine echte Win-win-Situation!

Kurzum: Auf mein Smartphone kann und will ich nicht mehr verzichten. Genauso wenig wie auf die elektrische Küchenmaschine oder den Staubsauger. IRENE STRIFLER