Lokale Kultur

Heiter, tragisch, nachdenklich und zuweilen brutal

KIRCHHEIM Eine hohe Treppe, die riesige Uhr, ein überquellender Mülleimer, hastende Menschen mit Koffern und Rucksäcken, dazu Geräusche einfahrender Züge und Durchsagen vom Band: Gleich zu Beginn des Theaterstückes wurden die Zuschauer in die perfekte Illusion einer Bahnhofshalle versetzt und von dem vielschichtigen Treiben der Akteure in den Bann gezogen. Der Bahnhof spielt in Denise Bonals letztem Theaterstück, das im Jahre 2000 erschien, die Hauptrolle.

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Der Bahnhof ist Ort der Abschiede, der flüchtigen Begegnungen und philosophischer Lebensbetrachtungen, ist Heimat Obdachloser, Arbeitsplatz von Putzfrauen, Treffpunkt zweier Ausreißerinnen oder auch Wartesaal für eine nicht abgeholte Großmutter überzeugend gespielt von Marianne Wagler, die fast das ganze Stück hindurch in Omamanier auf ihrem Koffer saß, akribisch langsam Apfelschnitze schnitt und in Selbstgesprächen Köstliches bis Deftiges aus ihrem Leben plauderte, Ängste ausstand, ob sie auch gesehen würde, bis sie schließlich doch noch von der Enkelin abgeholt wurde.

Daneben, doch keinesfalls als Nebenrollen, sondern jede Sequenz als kleinere oder größere Hauptrolle wahrnehmbar, spielten die Schüler der zwölften Klasse Heiteres, Tragisches, Nachdenkliches und auch mal kraftvoll Brutales das pralle Leben eben. Wie die beiden Penner, einfühlsam dargestellt von Hendrik Köhler und Tim K. König, die an Hand von Gerüchen über die wahre Menschlichkeit sinnierten: "Nur wir haben noch einen echten Menschengeruch den Geruch von Menschlichkeit". Tief bewegend auch die Szene, in der Annkathrin Sonder von "Den kleinen gelben Lichtern" erzählte, der Deportation der Juden auf diesem Bahnhof. Ergreifend summte dazu die ganze Klasse das Lied "Donna, Donna", das Lied über das Kälbchen, das zum Schlachter geführt wird und so gerne frei sein und fliegen möchte ein Sinnbild für das geschundene Judenvolk, wunderbar tiefgründig von der Klasse und der Regisseurin Frau Kuznik inszeniert.

Durchweg gelungen war die Umsetzung des Stückes, das sich auf drei verschiedenen Ebenen abspielte: physisch, seelisch und geistig. Erfrischend heiter die Putzfrauen, treffend besetzt mit Milena Maricic und Greta Colshorn, die die ganz im Hier und Jetzt verankerten Charaktere lustvoll spielten, oder der kraftvolle Auftritt der Familie (Angela Einhäuser als unentschlossene Mutter, Frederick van der Wal als genervter Vater und Alexander Eisenhut als störendes, ungezogenes Kind) ein alltäglicher Streit. Dagegen zart Seelisches in der Szene "Der einsame Mann voller Liebe", hervorragend verkörpert von Alan Müller oder Alexander Meinero als Hans der leicht entrückte Mann mit dem Schottenschal, der von seiner toten Frau mit den wasserblauen Augen schwärmte dabei hatte sie gar keine blauen Augen. Und dann die Kontaktaufnahme des Sohnes ( Marcus Loew) mit der toten Mutter (Angela Einhäuser) beeindruckend dargestellt. Man müsste noch viel erwähnen (vielleicht auch, dass Herr Klöcker, der Tutor der zwölften Klasse, mitspielte, gut, nein sehr gut, aber Gott sei Dank spielte er die Schüler nicht an die Wand). Jede Szene insgesamt waren es 28 , auch noch die kleinen Übergangsszenen hatten etwas Verbüffendes und zeigten die große Leistung der Schauspieler, besonders, wenn man bedenkt, dass die Schüler das Stück in nur drei Wochen einstudiert hatten.

Diese kurze Zeit war eine Zeit der Veränderung: "Die Klasse steht ganz anders da", so eine 12. Klasse-Schülerin, "wir wurden total zusammengeschweißt." Gewachsen ist auch das Selbstbewusstsein. Wer beide Aufführungen gesehen hat, konnte die Lust der Schüler am Theaterspiel und ihre Kreativität erleben: Immer wieder kamen neue Verkleidungen und Einfälle ins Spiel ein wahrer Theatergenuss. Bravo.

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