Lokale Kultur

„Herr Wolle lässt noch einmal grüßen“

Sibylle Krause-Burger las auf Einladung des Literaturbeirats aus ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte

Kirchheim. Auf Einladung des Literaturbeirats der Stadt las Sibylle Krause-Burger im Max-Eyth-Haus aus ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte „Herr Wolle lässt noch einmal grüßen“. „Meine Tante Hilde verbot, dass die arischen und

Ulrich staehle

die jüdischen Kinder der Verwandtschaft miteinander spielen.“ „Meine Großmutter wurde 1942 ins Baltikum verschleppt und erschossen.“ „Mein Onkel starb sechs Tage, nachdem er nach Auschwitz transportiert wurde.“ Die Zuhörer im Max-Eyth-Haus hörten ergriffen zu, wie eine ältere Dame davon erzählte, wie es ihr, ihrer Familie und ihrer Verwandtschaft während der Naziherrschaft ergangen ist. Nichts ist zu spüren von einem Überdruss an Vergangenheitsbewältigung. Ganz authentisch wirken die unsentimentalen und sachlichen Mitteilungen der kleinen, aber Autorität ausstrahlenden Sibylle Krause-Burger.

Rosemarie Alpers, Mitglied des Literaturbeirates der Stadt Kirchheim und Gastgeberin des Abends, brachte es auf den Punkt: Vergangenheitsbewältigung wird auf verschiedenen Ebenen betrieben. Doch solch persönliche Schicksale werfen immer wieder ein neues Licht auf die unheilvolle Epoche unserer Geschichte und verhindern eine Verdrängung.

Sibylle Krause-Burger, bekannt als politische Journalistin durch Bücher und Kolumnen, erzählte von ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Familie. Sie wechselte ab zwischen freier Erzählung und Texten aus ihrer Familiengeschichte „Herr Wolle lässt noch einmal grüßen“. Die Autorin gab zuerst einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Werkes. Nach vielen Sachbüchern hat sie das Bedürfnis gespürt, über sich selbst und ihre Zeitgeschichte zu schreiben. Das ist keine Wichtigtuerei, sondern in ihrer Familiengeschichte ist wie in einer „Nussschale“ die ganze Dramatik und die Barbarei des Naziregimes enthalten. Einmalig und ergiebig sind die Quellen, aus der die Autorin schöpfte. Sie verfügt über eigene Erinnerungen und Erzählungen aus frühester Kindheit und sie stöberte in verschiedenen Archiven. Die wertvollsten Dokumente waren hunderte von Briefen, die die jüdischen Verwandten aus Berlin ihrem nach Brasilien ausgewanderten Onkel geschrieben hatten. Die Naziideologie hat sich in den Kern ihrer Familie richtig hineingefressen, weil ihr Vater eine Jüdin heiratete und lebenslang zu ihr hielt. Damit waren natürlich Reibereien und Schikanen nicht nur von öffentlicher Seite, sondern auch innerhalb der Familie vorprogrammiert.

Für die Lesung wählte Sibylle Krause-Burger zuerst die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Sie hatten sich in einem großen Mietshaus in Berlin kennengelernt, in dem deutsche und jüdische Familien friedlich zusammenlebten. Erst, als die Liebe des jungen Mannes aus der schwäbischen Beamtenfamilie Burger zu einem Mädchen aus dem jüdischen Großbürgertum nicht mehr zu übersehen ist, kommen antijüdische Ressentiments zum Vorschein. Das junge Paar lässt sich nicht beirren und heiratet 1927. Das Kind Sibylle ist also eine Halbjüdin mit allen Folgen.

Nach diesem Leseabschnitt referierte Krause-Burger eindrucksvoll, wie zynisch den Juden, die sich als Deutsche fühlten und sogar Kulturträger waren, ihre bürgerliche Existenz entrissen wurde. Sie wurden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und im Privatleben schamlos schikaniert. Die jüdische Verwandtschaft wurde brutal dezimiert. Die Großmutter wurde erschossen, der Onkel (das ist dieser „Herr Wolle“ mit seinem letzten anonym übermittelten Gruß) starb nach wenigen Tagen in Auschwitz, während ihre „arische“ Tante einen SS-Offizier heiratete und immer mehr in das Fahrwasser der NS-Ideologie geriet.

Im zweiten Teil der Lesung stand Nussdorf bei Vaihingen im Mittelpunkt. Die siebenjährige Sibylle wurde dorthin gebracht, weil die Lage in Berlin unhaltbar und lebensgefährlich geworden war. Nach schwierigen Jahren der Eingewöhnung kommen nach einer riskanten Zugfahrt Vater, Mutter und Bruder nach. Das Gift der Naziideologie wird jetzt auch im engen Zusammenleben mit der Verwandtschaft wirksam: Der SS-Offizier denunziert seine Schwägerin als Jüdin und seine Frau sorgt dafür, dass die Kinder der beiden Familien „rassenrein“ spielen.

Doch Sibylle Krause-Burger hat dann nicht nur Deprimierendes zu berichten. Die schäbige Anzeige des SS-Onkels wurde von dem Ortspolizisten in schwäbischer Querköpfigkeit beiseite geschoben. Ihr „arischer“ Opa hatte sich vom Judengegner zum Nazigegner entwickelt. Die Bauern in Nussdorf waren „sehr, sehr nett“ zu ihr. Selbst der Ortsgruppenleiter ließ die jüdische Mutter unbehelligt.

In der anschließenden, außerordentlich angeregten und anregenden Diskussion wurden Vermutungen angestellt, warum ein schwäbisches Dorf Abwehrkräfte gegen die so allmächtige Naziideologie mobilisieren konnte. Es wurde vermutet, dass es mit dem Selbstbewusstsein von Kleingrundbesitzern zu tun hat. Sie waren nicht so ideologieanfällig wie die zu kurz Gekommenen der Gesellschaft. Absurderweise verschanzte sich die SS im Endkampf ausgerechnet in Nussdorf. Es wurde völlig zerstört.

Nach dem Krieg traf sich die Verwandtschaft wieder. Rache wurde nicht geübt Es gibt sogar ein Bild, auf dem alle Überlebenden am Kaffeetisch sitzen. „Doch es köchelte weiter. Die Verwandten sind unversöhnt gestorben.“

Wenn Sibylle Krause-Burger erzählt, so erzählt sie druckreif. Wenn sie liest, wählt sie geeignete Passagen aus, in denen Zeitgeschichte und persönliche Geschichte unmittelbar verklammert sind. Passagen mit ausführlichen Beschreibungen von Verwandten hätten sich nicht so geeignet. Wenn sie liest, liest sie so lebendig, als würde sie erzählen. Ihr Besuch in Kirchheim hat eindrückliche Spuren hinterlassen.

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