Lokale Kultur

Heute noch immer so aktuell wie schon vor 150 Jahren

KIRCHHEIM Die geschmeidige, sonore Stimme ist sein Markenzeichen. Das Vergnügen, diese live zu hören und nicht im Radio bereitete Karlheinz Gabor dem zahlreich erschienenen Publikum im Lateinschulsaal des Literaturmuseums.

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RENATE SCHATTEL

Zum 150. Todestag des Dichters Heinrich Heine las der unverwechselbare und leidenschaftliche Sprecher auf Einladung des Literaturbeirates im Max-Eyth-Haus aus seinen Werken. Die vergnügliche Lesung begleitete virtuos und abwechslungsreich Joachim Hauser auf der Konzertgitarre.

Für die Lesung ausgewählt hatte Karlheinz Gabor Auszüge aus "Die Briefe aus Berlin", "Die Harzreise", "Die Bädern von Lucca" und "Deutschland ein Wintermärchen". Gedichte, Gedankensplitter und Bonmots flossen zur Erheiterung des Publikums immer wieder ein. Gitarrist Joachim Hauser verstand es, mit Stücken von Johann Kaspar Mertz, Francisco Tarrega oder Isaac Albeniz zu begeistern.

"Es schluchzt meine Seele, sie lacht und weint, sie war heute Nacht mit deiner vereint", zitierte Gabor Kaiserin Sissi, die Heinrich Heines größte Verehrerin gewesen sein soll. Sie war es auch, die ihm ein erstes Denkmal gesetzt hat, das heute auf dem Montmartre in Paris auf seinem Grab steht.

Karlheinz Gabor begleitete die Vita des Dichters nur "in sehr großen Schritten" und begnügte sich mit einer Zeittafel, um den Texten den ihnen angemessenen Raum zu geben. Am 13. Dezember 1797 wurde er in einen jüdischen Haushalt in Düsseldorf hineingeboren. 1817 erschien sein erster Gedichtband, 1822 arbeitete er an den "Briefen aus Berlin".

In diesen zehn Fortsetzungen führte Heinrich Heine einen fiktiven Berlinbesucher humorvoll und volksnah durch die Metropole. Hier habe Heine, so betonte Karlheinz Gabor, seinen feuilletonistischen Stil zum ersten Mal erprobt. 1823 erschien der Gedichtzyklus "Die Heimkehr", dessen berühmtestes Gedicht "Die Lorelei" ist.

1824 veröffentlichte Heinrich Heine die "Harzreise", von der Literaturkritiker sagen, dies sei das Meisterstück, das seine Lehrzeit abschließe. Zum guten Ton für damalige Dichter gehörte, mit Goethe in Weimar Kontakt aufzunehmen. Der 26-jährige Jungdichter besuchte das 75 Jahre alte Genie und sei danach merkwürdig still gewesen, erzählte Karlheinz Gabor den Besuchern. Heine habe dann aber doch ein wenig von dem Besuch erzählt: "Ich war in Weimar, dort gibt es guten Gänsebraten und gutes Bier". Offensichtlich habe "seine Excellenz" ihn nur ungebührlich kalt empfangen.

Nach seinem juristischen Examen und der Taufe zum Christentum reiste Heinrich Heine nach Italien und schrieb die amourösen "Bäder von Lucca". Die zwei letzten Kapitel hätten, so der Sprecher, zu einem aufsehenerregenden Skandal geführt. Heine habe den damals bedeutenden Dichter Graf August von Platen als Dichter herabgesetzt, nachdem dieser Heinrich Heine zuvor verunglimpft hatte. Die öffentliche Meinung habe sich nach der Veröffentlichung der "Bäder von Lucca" gegen Heine gewendet und er habe sich durch die Platenschen Kapitel selbst geschadet.

Nach einigen Misserfolgen siedelte Heinrich Heine 1831 nach Paris über. 1834 lernte er die Schuhverkäuferin Mathilde kennen, die er 1841 heiratete. Heine soll ein eifersüchtiger Ehemann gewesen sein. 1844 erschien "Deutschland ein Wintermärchen" als Einzeldruck. Ein und eine halbe Stunde dauere das Lesen der ironiegespickten Verssatire, informierte Karlheinz Gabor die Besucher. Auch für "Die Briefe aus Berlin" benötigen die geneigten Leser diesen Zeitrahmen. Alle Heine-Werke seien aber mittlerweile auf Hörbuch-Kassetten eingespielt und könnten so bequem rezipiert werden.

Dass sich das Lesen oder Hören der Werke des respektlosen Spötters und entromantisierten Verseschmiedes lohnt, vermittelte Karlheinz Gabor. Heinrich Heine verband Poesie und Intellekt und wurde eine Art europäischer Kulturkorrespondent, der heute so aktuell ist wie von 150 Jahren.